Schlangenträger

Foto von Helmut Schnieder.

Als ich noch für die Elbe-Jeetzel-Zeitung schrieb, war ich mal auf einem Termin, der mir noch heute in Erinnerung ist. Der Sternenfotograf Helmut Schnieder wollte auf einem Bilderabend seine Arbeiten vorstellen. Ich fuhr also in die Breselenzer Kirche und stellte mich auf kalte Füße und schöne Bilder ein.

Helmut Schnieder hat sich als Fotograf einen Namen gemacht. Seine Bilder sind von atemberaubender Schönheit, poetisch, manchmal ein bisschen melancholisch. Immer spielt der Sternenhimmel eine Rolle. Oft sind einsame Eichen oder Weiden, Gewässer, Wiesen und Pferde, die still auf einer nächtlichen Weide grasen die Kulisse für Orion, Löwen, Schlangenträger und Co.

Besonders gut, so erklärte es Helmut es damals in der Breselenzer Kirche, könne man im Winter fotografieren. Da ist es nämlich so richtig schön dunkel. Leider ist es im Winter auch besonders kalt, und da helfen auch beheizte Schuhsohlen nur bedingt. Aber die Ergebnisse!

Das Wendland ist eine der dunkelsten Regionen in Deutschland. Keine große Fabrik, keine Autobahn, kein Flughafen, keine große Stadt verschmutzen den schwarzen Himmel mit ihrem Licht. Ich als Freundin der Nacht finde das einen sehr begrüßenswerten Umstand und kann den Sternenfotografen verstehen, der gern in der Dunkelheit umhertappt und stundenlang auf den richtigen Moment wartet.

An dem Abend in Breselenz überraschte mich Helmut Schnieder mit seiner Wortgewandtheit und seinem tiefen Wissen über Sternenbilder und Naturphänomene. Und das Beste: Er kann das so packend erzählen, dass ein Abend mit ihm wie im Fluge vergeht.

Ich habe eines der Sternbilder, die Helmut beschreibt und fotografiert, in mein Märchen „Die Liebenden“ eingeflochten:

„Gemächlich schiebt die sich Elbe durch die norddeutsche Tiefebene. Im
Hannoverschen liegen links und rechts des breiten Bandes die
Elbwiesen – Schafe, Pferde und Rinder weiden hier und das Moor, das
sich unter dem Gras der Elbaue versteckt, ist mal tief, mal trocken.
In diesem Landstrich, den einst die Wenden bevölkerten, sind die
Nächte dunkel, keine Stadt, keine Fabrik und keine Autobahn stört das
Leuchten der Sterne. Sie funkeln am dunkelblauen Himmel wie
Diamanten. Ihr Licht leuchtet matt über Wäldern und Feldern, zeigt den
Hasen den Weg zum Löwenzahn und fällt auf zwei Weidenbäume, die
nebeneinander in der Aue nahe des Dorfes Knarwitz wachsen. Die
knorrigen Stämme streben auseinander, doch mit den Wurzeln
verquicken sich die Bäume im Erdreich wie Liebende. Schon seit vielen
Jahren stehen sie so, und die Sterne leuchten im Sommer und im
Winter, und der uralte Schlangenträger schaut aus seinem Sternenbild
auf sie herab und erinnert sich:
Es waren einst zwei Kinder, die hießen Karl und Lina. Sie lebten im
Hannoverschen, mitten zwischen Wiesen und Feldern und Mooren in
einem kleinen Dorf an der Elbe. Die Höfe ihrer Eltern standen nah
beieinander, mit den Giebeln zum kleinen Dorfplatz. In den Ställen
standen Kuh und Schwein, die Hühner kratzten in der Diele im Stroh…“

Kalte Füße, ja vielleicht. Aber egal.