Winter im Wendland, und dann der Frühling

Der Künstlerhof, für den ich arbeite, hat immer mal nette Gäste. Im Moment wohnt dort ein Poet. Er heißt Jan Wagner und schreibt Gedichte, die die Dinge beschreiben wie sie sind ohne dabei nüchtern zu werden. Er schreibt Gedichte ganz nach meinem Geschmack.

Nun sitzt er auf dem Künstlerhof in seinem Studierstübchen und arbeitet und leistet damit Gutes für die Menschheit. Einen Teil seiner Zeit verbringt er aber draußen, im nassen, grauen Wendland. Während wir Einheimischen den Winter im Wendland einfach nur zu überleben versuchen, sind Jan und seine Frau Maritta begeistert: Die Luft! Der Duft! Der Gesang des Dompfaffen! Sie ziehen sich ihre Laufschuhe an und machen eine „Fünf-Dörfer-Tour“, sie fahren mit dem Fahrrad ins Nachbarstädtchen und finden das Wendland auch im Winter ganz toll. Aber sie haben auch eine Stadtwohnung und können jederzeit dorthin zurück, während wir Wendländer in unseren hutzeligen Bauernhäusern sitzen und hoffen, dass es bald März wird.

Dann pfeift der Wind über nasse Äcker, die frisch mit guter Gülle gedüngt wurden. Dann sind die Tage so lang, dass man sogar draußen Abendbrot essen kann, mit roten Backen und klammen Fingern, aber bei dem Licht will niemand rein. Dann legen die Hühner wieder richtig viele Eier, weil sie endlich wieder warme Füße haben. Dann blühen die Forsythien und die Märzenbecher und die Vögel sammeln eifrig die ausgekämmten Haare des Nachbarshundes auf und polstern damit ihre Nester.

Und Jan und Maritta werden dann endgültig und restlos verliebt sein, in einen Landstrich, über den die alten Seelen wandern und der so einzigartig und inspirierend und geheimnisvoll ist, dass Dichter und Hexen, Heiler und Illustratoren, Maler und Musiker hierherkommen und für immer bleiben wollen.