Ode an den Spaten

Jetzt, wo die Tage wieder länger werden und der Frost nicht mehr in den Boden beißt, schicken alle, die so lange in der Erde geschlafen haben, ihre grüne Vorhut aus der Erde. Walderdbeeren, Phlox und Türkischer Mohn, Pulsatilla und auch der Giersch. Ganz harmlos hat er sich zwischen die Erdbeeren geschummelt, so dass ich ihn beim Jäten kaum bemerke. Jetzt, wo der Boden feucht ist, kann ich die weißen Gierschwurzelranken prima herausziehen.

Jan Wagner, der Gedichtemacher, mag den Giersch. Er verarbeitet ihn zu Dingen wie Quiche, Salat und Gedichten. Er hat mir erlaubt, aus seinem Gedichtband: „Regentonnenvariationen“ zu zitieren:

 

Giersch

nicht zu unterschätzen: der giersch
mit dem begehren schon im namen – darum
die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch
wie ein tyrannentraum.

kehrt stets zurück wie eine alte schuld
schickt seine kassiber
durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,
bis irgendwo erneut ein weißes wider-

standsnest emporschießt. hinter der garage,
beim knirschenden kies, der kirsche: giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch

geschieht, bis hoch zum giebel, bis giersch
schier überall sprießt, im ganzen garten giersch
sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.

 

So wie der Giersch sich in Jan Wagners Gedicht am Anfang noch ganz nett gebärdet um dann am Ende alles zu verschlingen – so ist das auch im richtigen Leben. Noch lugen hier und da die zarten Spitzen aus der Erde. Sie sehen fast schüchtern aus. Sie haben wahrlich Widerstandsnester unter sich in der Erde versteckt.

Darum widme ich dem geschätzten Jan Wagner mein Gedicht:

 

Ode an den Spaten

Schlank sein Blatt, streng die Klinge
messerscharf
Er trennt die Scholle mit scharfen
Schnitt.

Wirft Krumen auf, schwarz und fett
Geburtshelfer
Für Würmer, Puppen, weiße
Wurzelschlangen.

Sein Werk schafft Platz für neues
Wurzelwerk
Später dann lehnt er schlank und stolz:
Am Regenfass