Fischen im Matsch

 

Weil ich 2013 für eine Reportage ein ganzes Jahr mit der Küstener Ortsfeuerwehr herumgefahren bin, darf ich ab und zu für die Elbe-Jeetzel-Zeitung über Feuerwehr-Themen berichten. Das mache ich sehr gern, denn meist ist es spannend, was da passiert. Die Frauen und Männer in blau-orange sind mit Ernst und Sachverstand bei der Sache. Brände löschen ist hier auf dem Land fest in Bürgerhand – in fast jedem Dorf gibt es ein Gerätehaus und eine kleine Feuerwehrgruppe.
Brennt es oder muss jemand aus seinem Auto gezogen werden, heulen die Sirenen auf den Dächern, ganz so wie früher. Die Freiwilligen werden dann auch noch per Funkempfänger benachrichtigt, der in ein ohrenbetäubendes Piepen ausbricht und darüber hinaus noch einen Mini-Text sendet: „Strohballenbrand bei Karmitz“ oder ähnliches.
Glücklicherweise passiert das nur ein paar Mal im Jahr, den Rest ihrer Zeit verbringen die Retter damit, ihre Abläufe zu üben oder sich über Technikneuerungen oder Gesetzesänderungen zu informieren. Und natürlich grillen sie auch Würstchen und feiern mal ein Fest.

Vor zwei Wochen war ich mal wieder bei einer Übung dabei. Das Szenario war dramatisch: Ein Landwirt hatte mit einem Helfer im hofeigenen Güllesilo einen Kollaps erlitten, und die Küstener Feuerwehr wurde als erste alarmiert, um Hilfe zu leisten und die beiden Verletzten aus dem Silo zu retten.

Zum Glück handelte es sich bei dem Drama aber nur um eine Übung, die sich der Silobesitzer aus Weitsche mit ein paar Feuerwehrkameraden ausgedacht hatte.

Im ehemaligen Güllesilo der Familie Luft, dem “Colossilo” finden eigentlich während der KLP Konzerte und Lesungen statt. Den Rest des Jahres aber steht es leer – perfekt, um auszuprobieren, wie gut eine Rettung mit einfachen Mitteln klappen würde.

“Im echten Leben würden wir natürlich größeres Gerät anfordern, zum Beispiel ein Drehleiterfahrzeug” erklärte mir der Ortsbrandmeister Dieter Warnecke. Heute aber wollte die Truppe ausprobieren, wie weit sie mit nur kleinem Besteck und aus eigener Kraft bei so einer Bergung kommen würde.

Zwei Dummies lagen also malerisch drapiert untem im Silo. Die Feuerwehrleute nutzten zunächst ihre Steckleitern, die stets auf dem Dach der Einsatzfahrzeuge mitfahren, um sich von außen einen Überblick zu verschaffen. Dann ließen sie eine weitere Leiter ins Silo hinab und stiegen in die Moderhölle, um die beiden Verletzten – laut Drehbuch einer bewusstlos, einer noch ansprechbar, zu bergen.

Inzwischen hatten zwei Männer auch einen großen Lüfter herbeigeschleppt, der über ein Loch in der Silowand Frischluft in das imaginäre Faulgasgemisch am Siloboden bließ. “Das Klima für die Verunfallten wird nun schon deutlich besser” dozierte Gerätewart Sascha Sumowski seinen Kameraden. Er zeigte auch, wie ein Bewusstloser am effektivsten aus der Grube gerettet werden kann: “Mit den Füßen voran, dann kann er sich nicht den Kopf stoßen.” So baumelte der Dummy dann auch mit hängenden Armen in den Seilen, und alle Anwesenden nahmen sich vor, beim nächsten Güllegrubenbesuch sehr vorsichtig zu sein.

Gut gesichert hieften die Feuerwehrleute die armen Dummies schließlich über die hohe Betonmauer des Silos und bereiteten sie auf den Transport ins Krankenhaus vor.

„Hat doch prima geklappt!“ fand der Ortsbrandmeister. Nach einer halben Stunde waren die beiden aus dem imaginären Güllematsch befreit – ich weiß schon, dass ich Güllegruben in Zukunft sehr meiden werde. Scheint mir eine ungesunde Angelegenheit zu sein.