Wer nicht kräht, der nicht gewinnt

Hahn Heinerich mit Babette oder Jeanette oder Yvette

Das ganze Jahr liegt der Beutower Dorfplatz in friedlicher Stille. Am 1. Mai aber wuselt und wimmelt es, Autos parken an den Zufahrtssträßchen, Fahrradtouren machen Station auf dem Rundling, verspeisen Bratwürste und lassen sich die Maibowle schmecken.

“Das Hähnekrähen ist ein kleines Dorffest”, erzählt mir Patrick Hahn. Er ist Mitglied des Rassegeflügelzüchter-Vereins und hält auf dem Hof seiner Eltern seine Zwerg-Wyandotten. Seit 1995 lädt der Verein zum Hähnekrähen auf dem Dorfplatz ein.

Zum Wettkampf im Krähen haben Hühnerhalter aus dem Wendland ihre Hähne mitgebracht. Es wuselt bunt, in den Käfigen scharren und glucksen und krähen große und kleine, braune, weiße und bunte und sogar tiefschwarze Ayam-Cemani-Hähne. Während das kleinste Tier gerade mal so groß wie eine Taube ist und mit seinen schrillen Krähern das Trommelfell vibrieren lässt, wiegt das größte sicher sieben Kilo und kräht ein bisschen wie eine Lachmöwe: “Kikerikihihihi!”

Für eine Stunde habe ich mich, weil ich das so lustig finde, mit 20 anderen Männern und Frauen vor die lange Reihe der Käfige gesetzt. Wir haben Zettel und Stifte gezückt und fangen mit dem Glockenschlag an zu zählen. Manche haben viel zu tun, andere weniger: “Mein Schwarzer Bartzwerg krähte einst 179 Mal in einer Stunde”, erzählt mir stolz der Züchter Thomas Hintz. “Fast drei mal pro Minute” raunt Patrick Hahn, und nickt. Aber eigentlich gehe es nicht um Pokale, und es sei es ja auch nicht schlimm, wenn ein Hahn nur selten kräht. Das schone die Nerven, auch die der Nachbarn. “Wir wollen hier zeigen, welch bunte Vielfalt an Rassen es gibt.” Und bunt geht es wirklich zu: Allein die Namen lassen die Ohren klingeln: Es gibt Altenglische und Moderne Englische Kämpfer, Antwerpener Bartwerge, Cochins in groß und klein, Araucanas mit blauschwarz glänzenden Kissenpos und große dicke Brahmas. Alle krähen durcheinander. Nur die Kämpfer stehen in ihren Käfigen herum, schauen in die Luft und schonen die Stimmen. “Tja”, konstatiert Thomas Hintz trocken: “die sollen ja auch kämpfen und nicht krähen.” Tatsächlich wurden die Tiere in Indien und England mit ihren langen Beinen ursprünglich für Hahnenkämpfe eingesetzt. Hier in Beutow wirken sie eher friedlich. Meine Hähne mit den Nummern 43, 44 und 45 krähen nur sieben Mal. In einer Stunde. Einer von den dreien macht gegen Ende sogar die Augen zu. Eher ein gemütlicher Typ.

So wie ich haben inzwischen immer mehr Leute ein paar Hühner im Garten, einfach für die Freude:  “Wir merken, dass Familien wieder Hühner halten. Denen geht es aber nicht um Rassegeflügel, sondern um leckere Eier.” Alte, vom Aussterben bedrohte Rassen seien besonders beliebt, sagt Patrick Hahn, und das hat auch schon Wirkung gezeigt: Rassen wie die Vorwerk-Hühner oder die Ramelsloher sind gar nicht mehr so selten. Auch bei uns laufen ja ein stolzer Ramelsloher Hahn und drei Hennen herum. Sie heißen Babette, Jeanette und Yvette und wir wissen eigentlich nie, wer jetzt wer ist.

Nach Ablauf der Zählstunde wertet der Vereinsvorsitzende Herbert Wohlfeil mit seinen Helfern die Zettel aus: Ein Vorwerk Hahn hat mit 88 Krähern das Rennen unter den Großrassen gemacht. Die kleinen Hähne sind dagegen wahre Plappermäuler: Einen Antwerpener Bartzwerg hielten die putzigen Puschel um seinen Schnabel nicht davon ab, ganze 125 Mal zu rufen, wie schön er ist.

Nach Pokalübergabe und Jubel widmeten sich dann alle der Maibowle und den Würsteln. Im nächsten Jahr treffen sich alle wieder. Lustig ist das hier.