Die Furcht, mein Freund

Foto: Thorsten Maas

Im vergangenen Herbst wurde ich schwer krank. Eine Depression, die sich gewaschen hatte, zog in mein Leben ein und warf alles um, was dagewesen war. Ich musste ins Krankenhaus, für viele lange Wochen. Ich konnte meine Kinder nicht mehr betreuen. Ich verlor meine Arbeit. Mein Leben stand Kopf. Den ganzen Winter lang war ich in Kliniken und quälte mich durch schrecklich deprimierende Weihnachten und den langen Januar und den kalten Februar. Im März dann fand ich eine Wohnung. Im Mai hatte ich eine neue Arbeit. Ganz langsam fasste ich wieder Fuß im Leben.

Noch immer hat das Gefühl der Furcht und Traurigkeit seinen Platz in meinem Leben. Morgens, wenn ich aufwache, ist die Furcht, mein alter Freund, zur Stelle. Sie raunt mir ins Ohr: „Was wird aus Dir? Was tust Du heute? Wer liebt Dich? Du bist allein!“ Die Furcht beherrscht ihr Metier. Sie macht, dass ich mich klein fühle, wie eine Fünfjährige, die allein auf dem Hamburger Hauptbahnhof steht.

Dann stehe ich auf, und koche mir einen Kaffee. Ich räume die Küche auf, rede mit meinen Kindern, schmuse mit dem Hund. Ich sehe hinaus auf den Hofplatz und plane meinen Tag. Mit kleinen Trippelschritten zieht die Furcht sich zurück. Sie mault und quengelt, sie will nicht gehen. Es ist schön bei mir. Aber ich lasse sie nicht bleiben. Mein Leben gehört mir. Die Angst darf morgens mit mir im Bett liegen, das ist mein Zugeständnis. Aber wenn ich mir die Haare gekämmt und die Zähne geputzt habe, muss sie still sein.

Denn ich lebe. Jeden Tag.

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