Hühnerhabicht

Munter rennen und scharren die Lachshühner im Lachshuhnparadies
(Und was aussieht wie ein Fleck auf dem Bildschirm ist der Plastikhabicht)

Ich ging gestern mit meinem Hund über die Wiesen spazieren. Ganz in der Nähe liegt das Dorf Diahren, und hinter diesem Dorf hat ein Hühnerbauer sein Federvieh. Die glücklichen Viecher dürfen über üppig grüne Wiesen laufen und sehen ziemlich zufrieden aus. Lachshühner sind es, mit cremefarbenem Gefieder und lustigen Backenbärten. Sie scharren nach Würmern und flitzen herum und scheren sich nicht um die Greifvogelsilhouetten, die über ihren Köpfen kreisen. „Raubzeug“ wie es hier die Bauern nennen ist eine stetige Gefahr in unserer dünn besiedelten Landschaft. Füchse, Marder, Waschbären und seit einiger Zeit auch der Wolf… Aus der Luft kommen Rotmilan und Habicht. Auch sie wollen fressen und ihre Brut ernähren. Der Diahrener Hühnerbauer hat nun also Flugdrachen an langen Stangen über seinen Hühnern kreisen, die die echten Raubvögel abschrecken sollen. Ob’s hilft? Vielleicht eine Weile.

Als ich noch in meinem großen, schönen Bauernhaus wohnte, hatten wir eine lustige Hühnerschar in unserem Garten. Zwei Araucana-Hennen waren besonders zahm. Sie hießen Ari (ja, sehr phantasievoll) und Bärli. Bärli kam auf den Arm und ließ sich kraulen. Sie versuchte, in der Küche die eiförmige LED-Lampe meiner Tochter auszubrüten, klaute den Katzen das Futter und flatterte uns auf die Schulter. Dieses entzückende Tier mit dem glänzend blauschwarzen Gefieder fand ich eines Tages in unserem Gartenschuppen. Es hatte am helllichten Tag den Kopf unter das Geflügel gesteckt. Als ich es auf den Arm nahm, stellte ich fest (zarte Seelen bitte diese Stelle bis zum nächsten Absatz überspringen), dass ein Raubtier ihren linken Brustmuskel komplett gefressen hatte. Sie war fast ausgeblutet und musste schreckliche Schmerzen haben. Ich holte schnell unsere Nachbarin Anita, die ihr mit einem gezielten tierschonenenden Ohrläppchenstich in den Hühnerhimmel verhalf. Ja, das war unsere erste Begegnung mit dem Raubzeug. Wir waren sehr traurig, begruben unser liebes Huhn und machten weiter.

Noch ein paar Mal besuchten uns Waschbär und Co, einmal tötete irgendwas gleich drei Hühner und verletzte den Hahn so schwer, dass auch er erlöst werden musste. Nichts jedoch würde mich davon abhalten, Tierhaltung, wie wir sie betrieben haben, toll zu finden. Die Hühner lebten glücklich in unserem Garten, sie hatten einen schönen, hellen, sauberen Stall und wurden von allen geliebt. Und was ist schöner als die Freude, ein sauberes, ganz neues Ei aus einem Hühnernest zu heben? Ostern jeden Tag!

Klug und schön: Die Henne Pieps mit den sieben Leben.

Am allerliebsten hatten wir aber die Henne Pieps. Sie hatte sieben Leben und hat ihr letztes erst vor wenigen Wochen ausgehaucht. Pieps schlüpfte in unserem Hühnerstall aus dem Ei und wurde bald eine stattliche Sachsenhenne. Ihr goldoranges Gefieder war eine Pracht, sie brütete Küken aus und führte sie stolz über die Wiese und sie legte schöne, perlfarbene Eier. Eines Tages, ich hatte mich für ein Mittagsschläfchen zurückgezogen, hörte ich sie schreien. Ein Blick aus dem Fenster zeigte: Der Habicht hatte sie am Wickel. Ich sah im Gras: Einen goldorangenen Federhaufen und einen großen Raubvogel darauf. Ich rannte hinaus und ja: Rettete mein geliebtes Huhn. Bei der Attacke hatte Pieps ein Auge eingebüßt und ich musste sie mehrere Wochen aufpäppeln. Auch die Winter waren hart für Pieps: Sie nieste oft und kränkelte. Aber alles hat sie überlebt und ist im Sommer zu meiner Mutter umgezogen, weil sie als Scheidungshuhn nicht allein im Garten meines Exmannes leben sollte.

Und nun hat ihr Schicksal sie ereilt: Der Habicht hat sie letztendlich doch geholt. Weinend rief meine Mutter hier an und erzählte, wie sie nur kurz abwesend gewesen war und der Mörder seinen Moment genutzt hatte, um die kluge, liebe Pieps zu holen. Sie war ein gutes Huhn, sie ruhe in Frieden.