Sulaika

Immer munter voran: Ein Herbstspaziergang im Sonnenschein

Ich habe es ja schon geschrieben: Es wird Herbst. Diese Jahreszeit ist für mich, die ich an einer hartnäckigen Depression leide, eine böse Jahreszeit. Es ist schwierig, den Kopf oben zu behalten und nicht einfach in die watteweiche Traurigkeit hinüber zu gleiten. Nichts ginge mehr, außer schlafen und traurig sein. Essen geht nicht, lachen geht nicht, Kinder versorgen: geht nicht. Selbst Zähneputzen ist schwer. Im letzten Herbst war ich so krank, dass ich für viele Wochen in eine psychiatrische Klinik musste. Mein Ex-Mann kümmerte sich in der Zeit um unsere Kinder und ich war einfach krank.

Nun, wo es draußen dunkler wird, ich meine Arbeit verloren und auch noch dummen Liebeskummer habe, schleicht sich die fiese Depression von hinten an. Sie ist dünn und hat kalte Hände, die sie um mein Herz legt. Heute habe ich den ganzen Tag mir ihr gekämpft. Der Notfallplan heißt jetzt: Die Dosis des Antidepressivums, das ich bereits seit einem Jahr nehme, erhöhen. Eine Krankschreibung vom Arzt abholen, arbeiten oder Arbeit suchen ist gerade nicht drin. Die therapeutischen Sitzungen wieder öfter nutzen. Und ansonsten: Spazieren gehen, Tee trinken, Freunde treffen. Alles, was gut tut, ist erlaubt. Sagt mein Arzt, der sich auskennt. Dr. Florian Gottesleben schrieb den Leitfaden und Erfahrungsbericht „Schwarze Galle“ über diese fiese Erkrankung.

Ich habe heute den ganzen Tag an einem Ort verbracht, der mir wirklich hilft, die kalte Hand der Depression abzuwehren: Ich war auf meinem geliebten Ponyhof in Süthen. Hier hat Pirjoleena Kiiski, die alle nur Piri nennen, ihren „Ponyclub“. Hier geht es ein bisschen zu wie bei Pipi Langstrumpf, nur, dass die Pferde nicht auf der Veranda wohnen. Seit einem halben Jahr komme ich jeden Dienstag her, um zu reiten. Am Anfang war ich noch schwer depressiv, und die Stunde auf dem Pferd verschaffte mir eine Atempause von den kalten Händen ums Herz. Später dann, im Sommer, genoss ich es einfach, auf dem Pferd zu sitzen. Am Ende wurde ich richtig ehrgeizig, weil ich gern richtig gut sitzen wollte und auch mal ein schnelleres Pferd reiten als die liebe Sulaika, der ich dieses Posting widme.

Sulaika ist eine Tinkerstute. Sie kommt aus Irland, und niemand weiß so genau, wie alt sie eigentlich ist. Piri sagt, dass die Pferde aus Irland mit Phantasiepapieren nach Europa verkauft werden, das Alter ist nur geschätzt. Sulaika ist auf jeden Fall alt. Und sie ist sehr nett und einfach wunderbar. Sie ist verfressen, und sie ist langsam. Immer ist sie die letzte in der Reitgruppe, und sie zu einem flotten Galopp zu bewegen, kostet mich stets einige Mühe. Aber oh! Sie ist so ein feines Pony. Heute war ich auf dem Ponyhof und habe ein bisschen Laub geharkt und den Hof gefegt. Zwischendrin halte ich an, um den Pferden zuzusehen. Sie laufen herum, sammeln mit ihren weichen Mäulern ein paar Heuhalme auf, sie dösen in der Sonne oder diskutieren mit angelegten Ohren aus, wer näher an der Chefin sein Nickerchen halten kann. Und meine Sulaika… Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird gefressen. Sogar Bananenschalen vertilgt sie, ich habe es selbst gesehen. Wenn sie trinkt, dann schürzt sie genüßlich ihre weichen Pferdelippen und wackelt mit dem Maul ein bisschen im Wasser herum. Ich habe ihr heute beim Trinken zugesehen, und gleich ging es mir ein bisschen besser.

Piri hat mich gebeten, heute mal Sulaikas Schweif zu waschen. Der war, mit Verlaub, total vollgekackt. Nun ist er wieder seidig und sauber. Wahrscheinlich nicht sehr lange, aber das stört mich nicht. Ich komme gerne wieder, um Sulaika den Schweif zu waschen und den puscheligen Behang an ihren Beinen zu kürzen. Ich putze sie und rede dabei mit ihr, denn sie ist sehr zappelig beim Putzen.

Und zu guter Letzt sind wir heute noch durch den Sonnenschein geritten. Munter oder, naja, eher weniger munter durch den Wald marschiert, sogar im Trab und Galopp waren wir unterwegs. Am Ende kommt immer die Sandkuhle, durch die galoppieren wir sehr gern. Sulaika kennt mich wohl schon ganz gut, ich habe das Gefühl, dass sie mir zu Liebe durch die Sandkuhle rennt, obwohl das eigentlich was für Kinderponys und ein bisschen unter ihrer Würde ist. Gut, dass es sie gibt.