Unendlichkeit

Astrid Schlachter an einer ihrer geheimnisvollen Maschinen.

Neulich, als ich die Textildesignerin Michelle Mohr in ihrem Atelier besuchte, kam ich mit Astrid Schlachter ins Gespräch. Die zarte, grauhaarige Frau mit den klugen Augen erzählte mir von ihrem Goldschmiedeatelier. „Die Kreativschmiede“ nennt das Ehepaar Schlachter seine Werkstatt, und das voller Stolz: Im Jahr 2013 haben die beiden ihr Juweliergeschäft in Lüchow an einen Nachfolger übergeben und sind ins selbstgebaute Atelier in Blütlingen gezogen. Gleich neben dem Wohnhaus ist jetzt ihre Goldschmiedewerkstatt. Hier entstehen kleine Wunderwerke: Astrids Fädelketten, eine Erfindung der Künstlerin, aber auch Ringe, Gürtelschnallen und Ohrschmuck.

Das Besondere: Ein Geselle, der in der ehemaligen DDR sein Handwerk erlernt hat, brachte sie auf die Idee, Ringe ohne Fuge herzustellen. Jetzt denkt Ihr Euch: Ist doch normal, kein Ring hat eine Fuge. Aber nein! Normalerweise wird ein Fingerring aus einem schmalen Stück Edelmetall gebogen, in der richtigen Länge abgesägt und dann verlötet. Die Lötstelle wird wegpoliert, und nur ein geübtes Auge kann sie sehen, aber sie ist da. Hier ist die Sollbruchstelle eines solchen Schmuckstücks: Will man den Ring verkleinern oder vergrößern, wird ein Goldschmied hier ansetzen und Material entfernen oder hinzufügen. Einfach größerbiegen geht mit so einem Ring natürlich nicht.

Bei den Schlachters werden Rohlinge aus Edelmetall gegossen und dann mit ganz besonderen Maschinen in Form gebracht. Ganz viele unterschiedliche Profile sind möglich, mit kleinen Hämmerchen und Feilen können die Oberflächen noch verfeinert oder gestaltet werden. Auch Edelsteine können in solchen Ringen gefasst werden. „So entsteht eine echte Unendlichkeit!“ sagt Astrid Schlachter. Und weil das so gut funktioniert, dürfen in der Kreativschmiede auch Laien ans Werk: „95 Prozent der Arbeiten an einem Ring machen unsere Kunden selber“, sagt Astrid Schlachter. Nur das Gießen, das sei zu gefährlich. Den Rest machen die Gäste des Goldschmiede-Paars ganz allein. Ein solcher fugenloser Ring kann beliebig geweitet oder verkleinert werden. Manches Brautpaar zum Beispiel nimmt vor der Hochzeit noch schnell ein paar Kilo ab und dann passt das selbstgestaltete Schmuckstück plötzlich nicht mehr.

Buchen kann man bei den Schlachters Goldschmiedekurse oder auch einen exklusiven Tag, wenn man als Paar die Trauringe selber gestalten möchte. Ein solches Paar Trauringe kostet nicht mehr als beim Juwelier, ist dann aber handgemacht. „Bei uns schmiedet meist der Mann den Ring für seine Liebste und umgekehrt“ erzählt Astrid Schlachter. Auch alter Schmuck kann eingeschmolzen und neu verwendet werden. Die romantischste Idee: Eine Kundin wollte eine getrocknete Rosenblüte mit in den Ring einschmelzen. „Natürlich geht sowas“, sagt Astrid Schlachter. Die Leute, die nach Blütlingen kommen, werden umsorgt und zum Teil sogar bekocht. Und das zahlt sich aus: Es kommen nicht nur Paare aus Hannover oder Hamburg, sondern auch aus Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Sachsen in das beschauliche Dörfchen nahe Wustrow.

Und wenn die Kulturelle Landpartie ihre Pforten öffnet, ist bei den Schlachters richtig was los: Dann versammeln sich 17 Aussteller auf dem Anwesen und verkaufen Edelsteine, Lederwaren, Papier und Seide. Es gibt japanisches Essen und Kaffee und Kuchen und natürlich Goldschmiedekurse.

Im nächsten Mai, wenn wieder KLP ist, fahre ich auf jeden Fall nach Blütlingen und mache mir ein kleines Schmuckstück und probiere japanische Köstlichkeiten.