Schicksal

Ausritt in der Abendsonne

Jeder Mensch trägt in sich nicht nur die eigene Geschichte, sondern auch die der Eltern, der Großeltern, der Urgroßeltern. Wir alle sind umgeben von einer Wolke aus schicksalhaften Ereignissen.

Mein Vater, geboren 1947 in einem gottverlassenen Nest in der Altmark, ist in Mangel und Armut aufgewachsen. Nicht nur hatte er keine warme Kleidung, zu wenig zu essen und kein eigenes Bett – er litt auch an einem Mangel an Zuwendung und Zärtlichkeit. Die Härte seiner Kinder- und Jugendjahre hat ihn zu dem Menschen werden lassen, der er war. Er zog mich mit strenger Hand und hohen Erwartungen auf.

Was meinen Vater in seiner Kindheit gerettet hat, das waren die Pferde. Und sein Reitlehrer Fritz Lahmann. Hier erfuhr der Junge Helmut Freude, Zuwendung, Verlässlichkeit. Die Pferde wurden seine große Liebe.

Als ich ein kleines Kind war, lebten meine Eltern auf dem Hengstdepot in Neustadt/ Dosse. Mein Vater arbeitete hier als „Bereiter“. Er ritt junge Hengste, die in der ganzen DDR eingekauft wurden, ein. Diese Tiere wurden in Rekordzeit ausgebildet und dann für Devisen, meist West-Mark, ins Ausland verkauft.

Es war eine harte Arbeit und ein hartes Leben. Mein Vater war oft betrunken, meine Mutter oft unglücklich darüber. Mein Leben war geprägt von der Angst vor dem betrunkenen Vater und der weinenden, traurigen Mutter. Und ich hatte Angst vor den Pferden. Als sensibles Kind konnte ich ihr Unglück, ihre Angst und ihren Stress spüren. Und ich sah viel Pferdeleid: Gebrochene Beine, tote Tiere, Hengste, die sich bekämpften. Meine Angst vor Pferden war unermesslich.

Und ich musste jeden Tag mit ihnen verbringen. Mein Vater zwang mich aufs Pferd, weil er nicht verstehen konnte, dass ich seine große Liebe nicht teilte. Sobald ich alt genug war, entfloh ich dem Elternhaus und den allgegenwärtigen Tieren. Ich fürchtete die Pferde und ich hatte Schuldgefühle, weil ihnen so viel Leid angetan wurde.

Im Februar 2018 starb mein Vater, und er nahm alle Angst und alle Schuldgefühle mit in sein Grab. Als ich im Frühjahr 2019 aufs Pferd kletterte, in dem verzweifelten Wunsch, meine Depression zu heilen, war meine Angst verschwunden. Ich ritt. Erst geführt, dann in der Gruppe, schließlich ganz allein.

Meine Jüngste wollte das auch und so kam auch sie aufs Pony. Später kam mein Sohn dazu, der keine Lust hatte, während der Reitstunden allein zu Hause zu warten. Beide Kinder reiten am Donnerstag Nachmittag bei meiner Freundin Piri. Wilma, unser Hund, und ich gehen jedes Mal mit. Und nun, nach vielen Wochen, reitet auch meine älteste Tochter. Sie hatte meine Angst vor Pferden gespürt und geteilt und deshalb als 9jährige das Reiten aufgegeben, nachdem sie es mindestens ein Jahr tapfer versucht hatte.

Und nun reiten alle meine Kinder heute Nachmittag wieder durch den Wald und ich begleite sie. Es freut mich, es macht mich richtig glücklich. Ich wünsche mir, dass mein Vater, der so ein unglücklicher und getriebener Mensch war, oben im Himmel auf einer Wolke sitzt und sieht, wie seine über alles geliebten Enkelkinder die Liebe seines Lebens teilen.

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