Zeit

Meine Rettung in schweren Zeiten: Wilma

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als die Zeit anfing, in meinem Leben eine Rolle zu spielen. Es war an einem Freitag im Frühherbst. Ich lebte bei Freunden zur Untermiete, weil ich nach der Trennung vom Vater meiner Kinder keine Wohnung gefunden hatte.

Wir hatten gerade Mittag gegessen, ich saß in der Küche und wusste nicht, wie ich meinen Nachmittag gestalten sollte. Die Tatsache, dass bis zum Abendessen sechs Stunden mit etwas gefüllt sein wollten, versetzte mich in Panik. An diesem Tag zog die unbarmherzige Frage nach dem „Was nun?“ in mein Leben ein.

Ich glaube, dass an diesem Tag die Depression anfing, sich in meinem Herzen einzunisten. Von dort an ging es mit meiner Zuversicht und meiner Gelassenheit stetig bergab. Immer wieder beschäftigte mich, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte. Und je lauter die Fragen wurden, um so größer wurde die Lähmung: Ich wusste nicht mehr, was ich tun könnte um der Leere zu entgehen. Das Gefühl, alles sei an seinem Platz und alles in der Ordnung, wurde ersetzt durch stetige Angst. Ich konnte dem nicht entrinnen – manchmal ließ die Angst nach, wenn ich meine Hündin Wilma streichelte. Ganz kurz lockerte sich der Klammergriff dann.

Begonnen hat das Alles eigentlich, als ich nach meiner Trennung mein geliebtes altes Zuhause verlassen habe. Ich hatte mich selbst am Schopf gepackt und mit den Wurzeln ausgerissen. War ich hier der Mittelpunkt der Familie gewesen, der Nasen putzt, kocht, aufräumt, Knie flickt, Geschichten vorliest und die Hühner füttert, so war ich nun: Entwurzelt. Ich hatte plötzlich kein Zuhause mehr, und nun, wo der Sommer vorbei war, musste ich dieser bitteren Wahrheit ins Auge sehen.

Was folgte, war eine schwere Depression, acht Wochen stationärer Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik und weitere acht Wochen Behandlung in einer Tagesklinik. Es war ein langer, steiniger und mühsamer Weg. Meine Seele hatte Blasen an den Füßen.

Am 26. November jährt sich der Tag, an dem ich „einfuhr“. An diesem grauen Montag brachte mein Freund Patrizio mich ins Krankenhaus. Ich musste dort zunächst ein paar Tage auf dem Flur schlafen, weil die Station aus allen Nähten platzte. Viele Untersuchungen, Gespräche, Medikamente, viele Tränen, verzweifelte und einsame Stunden folgten.

Heute bin ich wieder gesund: Ich war gerade vorhin mit meinem Hund spazieren und mir fiel auf: Ich weiß nicht, wie spät es ist. Ich will es auch nicht wissen. Es ist nicht mehr wichtig, wie viele Stunden der Tag noch haben wird. Ich lebe einfach. Und die Uhr hat ihre Macht über mich verloren. Manchmal schleicht die Zeit sich noch von hinten an, tippt mir auf die Schulter und fragt: „Na? Was machst Du jetzt?“ Ich kuschele mich dann mit meinen Kindern aufs Bett, oder spiele mit ihnen Katamino. Das lässt die Zeit ganz blass werden und sie verkrümelt sich wieder auf ihren Platz auf dem Zifferblatt der Küchenuhr.

Ich bin dankbar. Ich bin froh. Und heute, an diesem grauen Novembersonntag, ist mir ganz egal, wie spät es ist.

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