Was uns verbindet

Von Annabelle Leip habe ich im vorletzten Post schon kurz erzählt, ich muss aber noch einmal ausholen, denn mit dieser Frau verbindet mich eine unvergessliche Begebenheit.

Als ich gerade frisch getrennt war, im Januar 2018, fand ich eines Tages eine einsame Kuh auf einer Weide vorm Dorf. Sie stand dort, ohne Futter oder Wasser, ganz allein. Ein Tor der Weide war weit geöffnet. Ich schloss es, damit das Tier nicht auf die Straße lief. Ich ging zu unserem Nachbarn, dem diese Weide gehört und der selber Kühe hält. Die hatte er für den Winter in einem Stall untergebracht.

Der Nachbar wusste gleich, wem die Kuh gehörte. „Stiefel-Dieter“ nennen ihn hier alle. Er ist ein „Tierhalter“, wie die Amtstierärztin in nennt, kein Bauer. Er hat eine kleine Herde Kühe, die er mehr schlecht als recht versorgt. Auch diese Tiere standen bei den im Januar 2018 eisigen Temperaturen bei magerem Futter auf der Weide. Eines dieser Tiere war aus der Herde entlaufen und stand nun vorm Dorf, ganz allein. Unser Nachbar hatte das Tor seiner Weide geöffnet, in der Hoffnung, die Kuh möge von allein einfach so verschwinden. Oder zu ihrer Herde zurücklaufen, ich weiß es nicht.

Über Stiefel-Dieter erzählen die Leute sich grauselige Dinge. Dass er seine Kühe nicht gut versorgt, wissen alle. Aber hinter vorgehaltener Hand erzählen die Nachbarn von verhungerten Tieren in einem Stall.

Ich schaute mir das Drama auf der Weide zwei lange Tage an, dann hielt ich es nicht mehr aus und brachte ihr von dem Heu, das wir für unsere Schafe gemacht hatten. Ein anderer Nachbar schleppte Wasser herbei, das arme Tier hatte seit zwei Tagen nichts zu saufen bekommen. So ging das ein paar Tage, bis die Kuh irgendwann nicht mehr aufstand. Erst dachte ich, sie liegt zum Wiederkäuen im Gras, aber sie war unbeweglich an einer Stelle. Und eines Morgens, ich war mit den Hunden spazieren, war sie tot. Sie lag auf der Seite im Gras, und an ihrem Hals war ein großer, roter Fleck.

Ich weinte. Ich weinte so sehr, weil ich versucht hatte, diese Kuh zu retten. Und ich hatte es nicht geschafft. Sie war gestorben, trotz Heu, trotz Wasser. Was war nur geschehen?

An dieser Stelle kam Annabelle in die Geschichte. Ich traf sie, als ich weinend mit den Hunden meine Runde lief. Sie erzählte mir, was geschehen war: Die Kuh hatte sich, als sie versucht hatte, die Weide durch den Zaun zu verlassen, einen Stacheldraht in den Rücken gerissen. Sie verletzte sich dabei so schwer, dass sie eingeschläfert werden musste. Unser Nachbar, der das Wasser gebracht hatte, hatte das entdeckt. Er rief den Tierarzt, und der Besitzer kam später auch dazu.

Annabelle und ich waren furchtbar traurig. Wir konnten nicht glauben, dass einfach so vorm Dorf ein Tier sterben musste, weil keiner so richtig Verantwortung übernehmen wollte. Niemand wollte sich mit Stiefel-Dieter anlegen, der selber überfordert mit der Situation war. Es war ein Drama, das Landbewohner vielleicht gelassener sehen. Annabelle jedoch, und auch ich, wir waren traurig und entsetzt. Hätte man die Kuh wieder zu ihrer Herde gebracht, und hätte man dem Tierhalter geholfen, seine Rinder gut zu versorgen bei Temperaturen weit unter Null, dann hätte dieses Tier nicht sterben müssen.

Die Geschichte um die einsame Kuh wird uns für immer verbinden, sie hat sich in unsere Gedächtnisse eingebrannt und wir werden das beide nicht vergessen.

Und am Samstag durfte ich mit Annabelle, die ausgebildete Schauspielerin ist, zusammen arbeiten. Wir haben uns in ihrem Schauspielkurs ganz langsam angenähert, sie war selber aufgeregt und chaotisch und so erfrischend menschlich.

Wir haben gebrüllt und die Zungen herausgestreckt und uns in einer Paarübung gespiegelt. Schön war das. Und ganz am Ende, als alles gespielt war, haben wir noch einen Text gemeinsam gelesen. Ich mag ihn und möchte ihn mit Euch teilen:

Unsere größte Angst ist nicht, unzulänglich zu sein.
Unsere größte Angst ist, grenzenlos mächtig zu sein.
Unser Licht, nicht unsere Dunkelheit ängstigt uns am meisten.

Wir fragen uns: Wer bin ich denn, dass ich so brillant sein soll?
Aber wer bist Du, es nicht zu sein?
Du bist ein Kind Gottes.
Es dient der Welt nicht, wenn Du Dich klein machst.
Sich klein zu machen,
nur, damit sich andere um Dich nicht unsicher fühlen, hat nichts Erleuchtetes.

Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes, die in uns ist, zu manifestieren.
Sie ist nicht nur in einigen von uns,
Sie ist in jedem einzelnen.
Und wenn wir unser Licht leuchten lassen,
geben wir anderen unbewusst damit die Erlaubnis, es auch zu tun.

Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreien,
befreit unsere Gegenwart automatisch die anderen.

Marianne Williamson.

One Comment

  1. Judith Friedrich (Kiwi ;o) )

    Ein schöner Text…und nein, auch als Landbewohner von je her, hätte ich um die Kuh geweint. Schlimm das das Tier so sterben musste, aber schön, dass sie beweint wurde.

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