Halbwertzeit

In seinem Heft Nr. 48 hat der SPIEGEL das Thema Alternsforschung auf den Titel gehoben. Die Trendsetterin und Super-Alte Iris Apfel streckt auf der Titelseite des Magazins ihr Gesicht, wie immer von einem enormen Brillengestell verziert, provozierend und fröhlich dem Betrachter entgegen.

Bereits mit 25 Jahren, lese ich in dem Heft, nimmt die Fruchtbarkeit einer Frau ab, mit 30 Jahren sprießen die ersten grauen Haare. Später lässt dann die Spannkraft der Muskeln nach, die Haut kann Feuchtigkeit nicht mehr so gut binden und verliert an Elastizität. Die Sehkraft schwindet, die Gedächtnisleistung nimmt ab, ja, selbst der Geschmackssinn fängt irgendwann an zu schwächeln.

Viele von diesen Dingen kenne ich: Mit 46 Jahren habe ich schon einige graue Haare, ich bin nicht mehr so fit wie früher und in meinem Gesicht haben sich lustige Hängebäckchen gebildet, weil meine Haut… ach, schweigen wir davon. Ich benötige zum Lesen eine Brille und morgens brauche ich ein Weilchen, um so richtig auf Touren zu kommen. Allein meine Geschmacksknospen haben mich bisher noch nie im Stich gelassen. Möge mir der Genuss am Essen bitte noch lange erhalten bleiben!

Nun könnte ich betrübt sein über all die Anzeigen des Alterns. Ja, das ist eine Wahrheit: Jede Sekunde, die vergeht, bringt uns dem Tode näher. Aber gerade gestern, als ich mit einer Freundin uneins war und ein quälender Ärger über den Standpunkt meines Gegenübers mich erfasste, da sagte eine leise Stimme in mir: Ja, Du bist wütend. Warte ein bisschen, das vergeht.

Und es stimmt! Liebeskummer, Wut und Einsamkeit, leider auch Freude und Euphorie: Alle Gefühle sind vergänglich. Sie kommen zu uns und es fühlt sich an, als würden sie für immer bleiben. Aber sie verschwinden. Man muss nur warten. Und das ist mein Geschenk des Älterwerdens: Ich weiß Bescheid über die Halbwertzeit von Gefühlen. Ich weiß, dass Liebeskummer, egal wie schlimm er ist, vergehen wird. Ich weiß, dass die Freude sich verflüchtigen wird wie ein köstlicher Duft, und darum genieße ich sie in vollen Zügen und mit allen Sinnen.

Ich bin nicht mehr jung und noch nicht alt. Das Geschenk meines Lebens ist, dass ich jetzt alles noch einmal neu erfahren darf. Ich treffe Menschen, die ich ohne die Trennung vom Vater meiner Kinder nie getroffen hätte. Ich fühle mich reich und beschenkt. Und ich weiß: Ich kann nichts festhalten, und nichts kann mich festhalten.