Über die Kraft von Ritualen

Lieblingsbecher und Kerzenlicht

Seit Beginn meiner Depression begleitet mich oft am Morgen beim Aufwachen ein Gefühl der Bangigkeit. Ich mache mir Sorgen, manchmal diffus, manchmal konkret. Wie wird alles werden? Was bringt der Tag? Warum steht mein Leben so sehr Kopf? Ich weiß: Das ist normal. Es geht vorbei. Was wirklich toll gegen die Morgenangst hilft: Mein Morgenkaffee-Ritual. Ich setze Kaffee in meiner kleinen Espressokanne auf und erwärme Hafermilch in einem Topf. Während die Kanne leise brodelt, räume ich meine Küche auf.

Ist der Kaffee fertig und die Hafermilch schön aufgeschäumt in der Tasse gelandet, setze ich mich an meinen Rechner und schreibe Tagebuch. Seit ich am 26. November „eingefahren bin“, also in die psychiatrische Klinik kam, schreibe ich fast jeden Tag auf, was geschieht und wie es mir geht. Das ist ein weiteres wichtiges Ritual, das mir hilft, meine Gedanken zu sortieren. Ich flechte aus all den wuseligen Hoffnungen, Befürchtungen und Gefühlen einen hübschen Zopf. Das trägt eine ganze Weile und hilft mir, gelassen in den Tag zu starten.

Auch für uns als Familie gibt es Rituale, die uns stärken: Nach dem gemeinsamen Mittagessen lungern wir gern alle zusammen auf dem Küchensofa herum. Wir kuscheln, wir reden, wir kitzeln uns. Dann kann der Nachmittag beginnen und kein Gefühl der Bangigkeit kann unsere Lebensfreude trüben.

Gerade jetzt sind Rituale so wichtig für mich: Ich habe das Gefühl, dass sich in meinem Leben etwas ändern wird: Ich werde eine Arbeit in der Großstadt finden, und mein Lebensmittelpunkt wird sich zumindest teilweise dorthin verlagern. Was wird das mit sich bringen? Wer versorgt meinen Hund, wie werden die Kinder mit der Distanz zurechtkommen? Wir werden neue Rituale finden, die uns den Weg ebnen durch aufregende Zeiten.