Nurejew und die Anderen

Geboren wurde er in der Transsibirischen Eisenbahn, er wuchs in der russischen Provinz auf und tanzte, sobald er erkannt hatte, dass es diese Möglichkeit gab. Sein Vater, sagt er später, habe ihn geschlagen, wenn er ihn beim Tanzen erwischt hätte, und doch tanzte Rudolf Nurejew immer weiter, bis er schließlich in Leningrad seine Ausbildung begann und damit eine rauschende Karriere startete, ein Fest, ein Feuerwerk des Tanzes und der Leidenschaft.

„Als hätte man in einem Salon ein wildes Tier losgelassen“, so beschreibt ein Londoner Journalist die Kunst Nurejews, der an der Seite der 19 Jahre älteren Tänzerin Margot Fonteyn zur absoluten Meisterschaft gelangte. Die beiden inspirierten einander, nach ihrem ersten gemeinsamen Auftritt in „Giselle“ waren sie schnell eine internationale Sensation. Der leidenschaftliche Nurejew profitierte von dem Erfahrungsschatz Fonteyns und inspirierte die Ballerina.

Ich sah gestern einen Film über Rudolf Nurejew. In Ralph Fiennes Film „White Crow“ wird der Werdegang Nurejews erzählt, seine Kindheit in Ufa, sein Weg zum Tanz aber vor allem sein Weg in die Freiheit der westlichen Welt.

1961 ist seine Ballettkompanie, das Leningrader Kirov-Ballett, in Paris zu Gast, und Rudolf Nurejew nutzt die Gelegenheit und setzt sich ab. Er erobert alle großen Ballettsäle im Sturm. Weil er ein herausragender Tänzer ist, aber auch, weil er klug ist und Choreografien intellektuell erfasst. Seine Leidenschaft und sein Können sind selbst auf schwarz-weiß Videos seiner Zeit zu spüren. Über die unfassbare Körperbeherrschung, die da zu sehen ist, breite ich mal anbetend den Mantel des Schweigens.

Und wo ich schon mal so richtig in Fahrt bin, fällt mir die Tänzerin und Choreografin Pina Bausch ein. Ihre Art, Geschichten im Tanz zu erzählen ist berührend, direkt, ungeschminkt. Ich liebe Pina Pausch. Wim Wenders hat der 2009 Verstorbenen einen Film gewidmet, über den ich zufällig stolperte und den ich wie gebannt bis zum Ende verfolgt habe. Ein Film der aus Interviews und Tanzszenen besteht und keine Sekunde lang langweilig wird, weil er nur aus Liebe und Tanz besteht. Ich erlaube mir, hier den „Seasons March“ einzubetten, den ich liebe und der mein Herz voll macht. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe.

Natürlich darf in dieser Liste der wunderbaren Tanzeruptionen auf keinen Fall Vaslav Nijinksi fehlen. Der 1890 in Kiev geborene Tänzer ist der Nachwelt vor allem durch seine Virtuosität und Sprungtechnik bekannt, ich aber verehre ihn für seine Arbeit als Choreograf. Er hat Claude Debussys „Prélude à l’apres-midi d’un faune“ in Tanz umgesetzt. Wunderbar ist das, und auch, wenn die flackernden Bewegungen nur schlecht transportieren, welche Revolution Nijinsky 1912 angezettelt hat… Ich könnte es immer wieder anschauen.

Nun, ich werde jetzt spazieren gehen. Immer hübsch einen Fuß vor den anderen. Links, rechts. Und mich freuen, dass es diese Menschen gab. Und dass es den Tanz gibt.