Schwitzen

Illustration: mohamed Hassan 

Nun ist es schon ein Jahr her, dass die böse, finstere Depression ihren Klammergriff um mein Herz langsam gelockert hat. Im Februar 2019 war ich schon in einer Tagesklinik angekommen und lernte langsam, wieder Freude zu empfinden. Viele halfen mir dabei: Meine Freundinnen und Freunde, meine Kinder, mein Exmann, meine Mutter… Aber ich half mir auch selbst, ich fand heraus, dass es Dinge gibt, die mir gut tun.

Eines dieser Dinge ist die Sauna. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als es mir so schlecht ging, dass ich keine fünf Sekunden Ruhe vor dem rumorenden Schmerz in meiner Seele hatte. Jeder Schritt, jeder Atemzug: Schmerz. Und dann, ich kann mich nicht mehr erinnern, warum, ging ich an einem freien Nachmittag (diese freien Nachmittage im Klinikalltag waren mein erklärter Feind, ich musste mich dann selbst spüren, schrecklich!) in die Sauna nach Bad Bevensen. Ich hatte bei meiner Therapeutin eine Achtsamkeitsübung gelernt, die mir helfen sollte, aus meinem Elend herauszufinden. Die Übung geht so: Zuerst findet man fünf Dinge, die man hört. Man muss genau hinhören und sich Zeit lassen. Dann kommen fünf Dinge, die man sieht, dann fünf, die man fühlt. Danach sucht man vier Dinge, dann drei, dann zwei und eines. Es ist wichtig, ganz ruhig zu hören, zu fühlen, zu schauen, dann funktioniert es wie ein Zaubertrick. Die Grübelschleife wird klein und löst sich manchmal ganz in Luft auf.

Ich war also in der Sauna, hatte einen Aufguss genossen (ich liebe Aufgüsse, ah!) und lag auf einer Liege in einem der Ruheräume. Der Raum, von dem ich hier schreibe, ist eigentlich ein Unruhe-Raum, denn er liegt mitten im Geschehen. Nur getrennt durch eine Glaswand befindet er sich gleich neben den Duschen und dem großen Tauchbecken, direkt im Herzen der Saunalandschaft. Hier lag ich also und lauschte. Dem Quietschen von Badelatschen. Eins. Dem Rauschen der Lüftung. Zwei. Dem Klatschen des Wassers aus dem großen Holzbottich. Drei. Dem Gespräch zweier Männer neben mir. Vier. Dem Lachen eines Kindes, das ins Tauchbad geht. Fünf.

Ich konnte plötzlich daliegen und frei atmen. Der Schmerz, mein steter Begleiter, war für kurze Zeit verschwunden. Er ließ mich Atem schöpfen und ich erholte mich ein bisschen, während ich dort wohlig in Decken eingekuschelt lag.

Ich ging fortan regelmäßig nach Bad Bevensen in die Sauna, und bald schon war mein Körper auf Geräusche und Gerüche der Sauna konditioniert, noch heute ist es so, dass ich mich augenblicklich entspanne, wenn ich um die Ecke komme und den saunatypischen Duft nach Tannennadel und Myrthe rieche.

Heute war ich wieder dort, und es war wie immer herrlich. Drei Aufgüsse habe ich genossen, war im Tauchbecken, habe geruht und gelesen und war einfach nur Mensch.

One Comment

Comments are closed.