Irrer Frühling

Gerade noch war alles wie immer: Schafe streicheln, Beete umgraben, Freunde treffen und sich freuen, dass der Winter nun geschafft ist. Und wer nicht weiß, was da draußen in der Welt gerade passiert, der würde es hier, in der beschaulichen Idylle unseres Dörfchens, auch nicht bemerken.

Heute hat mein Vermieter mit Verwandten das alte Herbstlaub weggeharkt und den Efeu um die Scheunenfenster entfernt. Ich habe Wäsche gewaschen und die bunten Kleider hingen draußen in der hellblauen Luft, die, wie so oft im Frühling, ganz leise nach Jauche duftete.

Die Kinder spielen, bauen Höhlen aus Leitern und Decken. Wir essen Butterbrote mit Rührei, erzählen uns Geschichten und verbringen den Tag mit den Dingen, die eine Kleinfamilie so tut, wenn sie an einem Märzsonntag zu Hause ist.

Doch wir gehen nicht ins Schwimmbad, nicht ins Kino, und wir treffen auch keine Freunde. Wir bleiben zu Hause und beschäftigen uns mit uns selbst. Wir können das gut, wir lieben uns und haben uns viel zu erzählen. Aber dennoch: Dass ein Virus die Welt in rasendem Tempo erobert, dass in Italien, und nicht nur dort, die Menschen sterben, ohne dass ihnen geholfen wird, das geht an uns nicht vorbei.

Ich fühle mich eingesperrt, ich möchte Menschen treffen, die ich nun nicht sehen darf, das schmerzt. Ich fühle mich verantwortlich für meine Kinder, ich möchte nicht krank werden und ich möchte auch niemanden infizieren. Ich habe Angst. Nicht nur davor, zu erkranken und vielleicht zu sterben, es macht mir auch Angst, wie schnell aus einer lebendigen Demokratie ein Land mit leeren Straßen wird, in dem die Polizei Versammlungen einfach so auflösen darf. Es gruselt mich.

Und mich packt eine unendliche Sehnsucht nach Leben, nach Freude, nach Liebe. Meine Gefühlsamplituden reichen von verzweifelt bis zu überschäumend fröhlich und gierig auf alles, was das Leben an Schönem zu bieten hat. Ich wünsche mir sehr ein Ende dieser Krise. Ich wünsche mir, dass meine Kinder wieder zur Schule gehen dürfen, dass meine Jüngste im September ganz normal eingeschult werden kann und dass ich mich wieder frei bewegen darf in diesem einzigartigen und wunderschönen Leben.