Himmelhoch und alles

Hier im Wendland scheint die Sonne von einem knallblauen Himmel. Die Vögel schreien herum wie auf Koks und … naja. Frühling halt.

Eigentlich könnte man voller Freude sein und hüpfen und springen und sich über Frühlingsgefühle, Sonnenstrahlen und die kommende Spargelsaison freuen. Die Nachbarn haben sogar schon Kartoffeln eingebuddelt, weil sie es mit der Vorfreude kaum aushalten.

Aber über dem Ganzen schwebt die C-Wolke. Sie begleitet mich vom morgendlichen Aufstehen den ganzen Tag lang bis ich mich am Abend wieder ins Bett lege. Sie ist allgegenwärtig, im Supermarkt sind Markierungen auf den Boden geklebt, damit wir Abstand halten und die Kinder sind den ganzen Tag zu Hause und sitzen vorm Rechner und machen ein bisschen Schule. Den Rest der Zeit machen sie Quatsch.

Das Coronavirus ist hier im Wendland noch nicht so richtig angekommen. Ein Patient liegt im Dannenberger Krankenhaus auf der Intensivstation und wird beatmet. Acht weitere Infizierte sind isoliert, 40 Kontaktpersonen sind ebenfalls in Quarantäne. Die Geschäfte, Schwimmbäder, Kinos haben zu. Aber sonst? Hier im Dörfchen merkt man nicht, dass etwas anders ist als sonst.

Nur in mir drin, da geht es hoch und runter. Die ganze Zeit. Letzten Sonntag war ich mit dem Fahrrad Brötchen holen in der kleinen Bio-Bäckerei in Waddeweitz. Auf dem Rückweg überlegte ich mir, was ich dem Exmann noch Wichtiges sagen muss und ob es etwas gibt, das die Kinder noch wissen müssen, bevor ich sterbe. Ich fuhr weinend durch die Felder, am Weiher vorbei und fühlte mich schutzlos und allein.

Keine zwei Kilometer später hatte sich meine Stimmung verwandelt in: Hey, es ist Frühling, gleich essen wir köstliche Brötchen und das Leben ist sauschön. Der Wind sauste mir durchs Haar und pfiff in meinen Ohren. Ich fühle mich lebendig wie nie.

Diese Gefühlsachterbahn ist anstrengend und hat zwei Gefühle zum Inhalt, die einander bedingen: Die Liebe zum Leben und die Angst vor dem Tod. Ich möchte nicht sterben, ich möchte richtig doll leben. Lieben, küssen, singen, tanzen, essen, trinken. Und das alles mit den Menschen, die mir am Herzen liegen.

Die soziale Isolation fällt mir schwer, ich bin heute allein, die Kinder sind bei ihrem Vater. Für sie ist es gerade gut, zwei Elternhäuser zu haben, so haben sie etwas Abwechslung in unserem Trott. Heute Nachmittag traf ich eine Freundin auf einer einsamen Bank mitten in den Feldern. Wir saßen dort, zwei Meter Bank zwischen uns, und wussten nicht so recht, was sagen. Wir waren erschöpft, genervt von unseren Kindern und auf Kuss-Entzug. Morgen treffe ich eine weitere Freundin und gehe mit ihr schön spazieren.

Aber wer küsst mich jetzt? Und nimmt mich in den Arm? Ich habe gar keinen Lebensgefährten…