Helmut

Wenn ich mit meinem dicken Hund spazierengehe, treffe ich immer mal wieder Nachbarn. Da gibt es Ulrike und Udo mit ihrem Hund Henry, der immer schlechte Laune hat und knurrt und bellt, wenn er uns trifft, aber eigentlich ein ganz Netter ist. Da gibt es Katrin aus dem nächsten Dorf, die mit ihrem Hund Lene, der aussieht wie Fuchur aus der unendlichen Geschichte. Sie hat einen Teenager zu Hause und wünscht sich aus tiefstem Herzen, dass die Schule bald wieder losgehen möge. Dann sind da noch die Exilanten aus Bonn, die mit Mutter und drei Kindern und dem Pudel Ellis bei Dirk eingezogen sind.

Es gibt auch noch Biff und Herdis, die im Nachbardorf wohnen. Sie haben vor Jahren den größten Hof im Dorf gekauft, der zu unser aller Freude auch eine kleine Kneipe beherbergt. Biff und Herdis machen manchmal „Kneipe“, dann öffnen sie den Schankraum, besorgen ein Fass Wendlandbräu und alle bringen was Feines zu essen mit. Weil die Hippie- und Ökodichte hier sehr hoch ist, gibt es dann viel leckeres aus Gemüse und Vollkorn, aber hey, manche Sachen sind köstlich, und Wendlandbräu ist überhaupt das allerleckerste Bier, das man sich vorstellen kann.

Draußen vorm Haus gibt es dann meist ein Lagerfeuer, Ulrike und Herdis stricken zusammen und wir reden über dies und das und finden unser Leben so insgesamt ziemlich prima.

Vor zwei Tagen traf ich Biff und Herdis auf der Straße, als ich da mit meinem Hund langzottelte. Wir kamen ins Gespräch und irgendwann landeten wir bei meinem alten Vermieter, der inzwischen gestorben ist. Er hieß Helmut, ging manchmal am Hof von Biff und Herdis vorbei und grüßte stets sehr freundlich. Diesen Eindruck vom freundlichen Helmut konnte ich bestätigen. Daraufhin kamen wir auf den anderen Helmut zu sprechen, von dem die Beiden den Hof gekauft hatten. Dieser Helmut war ganz anders: Er schaute mit offenem Fenster Pornofilme, und weil er ein bisschen schwerhörig war, hatte das ganze Dorf was davon. Er wusch sich nicht und manchmal zog er wohl zum Pinkeln die Hose nicht runter, was zur Folge hatte, dass ihn stets ein interessantes Aroma umwehte. Helmut hatte immer Durst auf Schnaps und schnorrte bei den Nachbarn Geld und Zigaretten.

Als Biff und Herdis den Hof kauften, waren sie ein wenig vorsichtig, was die Nachbarn anging: Sie wohnen in Bauwagen und sind ziemliche Hippies, wenn ich diesen Begriff noch mal strapazieren darf. Die neuen Hofbesitzer waren sich also nicht sicher, wie das Dorf auf sie reagieren würde. Aber, so Biff: „Helmut hatte gute Vorarbeit geleistet.“ Die beiden schauen keine lauten Pornos und haben saubere Hosen an. Das reicht, um von Herzen in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden. Herrlich. Und dann machen sie auch noch Kneipe.

Biff und Herdis: Ihr seid toll!