Diese ganzen kleinen Wunder

Nichts ist los hier auf dem Land. Wie überall ruht das Leben, wir sind ein bisschen wie Dornröschens Schloss in groß. Die Kinder hocken in meinem Auto und spielen „verreisen“. Sie fahren ins Kino, ins Schwimmbad, sie lassen es krachen.

Ich wandere derweil durch den Garten, laufe mit dem Hund über Wiesen und Felder und staune über all das verrückte Zeug, das der Frühling auf dem Land zu bieten hat.

Da sind die Kälber der schwarzen Fleischrinder im Nachbardorf. Sie liegen wie kleine Lakritzhäufchen auf der Wiese, und von Zeit zu Zeit staksen sie zur Mutter und nuckeln an braunen Zitzen, die aussehen, als käme da Kakao raus.

Meine Freundin Maren hat leere Schneckenhäuser mit Olivenöl eingerieben. Nun liegen sie rosa und gelb und grau auf einem langen Brett im Garten. Kleine Wunderwerke der Natur. Wie die Vögel es wohl schaffen, eine Schnecke da herauszupulen?

Die Apfelbäume an der Milchstraße standen schon vor zwei Wochen in den Startlöchern. Jetzt, endlich, ist genug Licht und Wärme da und sie sind übersät mit kleinen pinken Perlen. Überall in den struppigen Kronen wird es bald blühen und summen. Ein Versprechen an den Herbst, wenn wir hier saftige Äpfel sammeln und in die Mosterei fahren werden.

Da ist das Amselnest im wilden Wein. Im letzten Jahr habe ich ein Amselbaby gerettet, das aus diesem Nest gefallen war. Nun haben Mutter und Vater das Nest geputzt und sind wieder eingezogen. Die Männchen sind knallschwarz und ihre munteren Äuglein sind von einem gelben Ring umzogen. Der Schnabel blitzt gelb, wenn sie Würmer aus der Erde zerren oder auf dem Dachfirst sitzen und mit dem Nachbaramselmann ein Battle anzetteln. „Amselbullen“ nennt die Prinzessin in Kurt Tucholskys „Schloss Gripsholm“ sie. Ein Räuber hat eines der Eier aus dem Nest geholt und davor auf der Straße fallen lassen. Wie zart die Schale ist! Und so hübsch grün mit braunen Sprenkeln. Amseleier haben auch ein Eigelb, ein winzig kleines.

Da ist auch die Taubnessel. Sie blüht überall in kleinen Kissen: Am Wegesrand, auf den Wiesen und auf den unbestellten Gemüsebeeten. Der Stiel der Taubnessel hat einen quadratischen Querschnitt. Viereckig! Eine Blume! Lustig.

Alles ist ungewiss in diesen Tagen. Mir bleibt nur die Versenkung ins Jetzt und Hier, um nicht zu ängstlich zu werden. Im Jetzt und Hier des Wendlands lässt sich das alles gut ertragen.