Tausend Stecknadeln

Es ist nach Mitternacht. Im Haus ist es still, die Kinder schlafen. Sie haben sich in meinem Zimmer ein Matratzenlager gebaut,wir schlafen gern so eng beisammen in diesen besonderen Zeiten. Unsere Tage sind gefüllt mit Schularbeiten, täglichen Verrichtungen, Spaziergängen. Heute hatten wir ein Lagerfeuer im Garten.

Wenn ich durch meinen Garten gehe, in dem ich Katzenminze und Schleierkraut, Frauenmantel und Lavendel gepflanzt habe, dann tut mir das Herz weh. Gerade konnte ich hier Fuß fassen, nun muss ich schon wieder gehen. Wo wird es uns hinverschlagen? Werde ich im Wendland bleiben können? Oder muss ich zurück in die Großstadt, weg von den Kindern, weg vom Landleben?

Weil es mir in den letzen Monaten so gut ging, habe ich, bevor ich die Kündigung meiner Wohnung bekam und bevor mir das Jobcenter mitteilte, wie wenig Geld ich zum Leben vom Staat zugesprochen bekomme, die Dosis meines Antidepressivums reduziert. Es lief super, ich schlief gut, ich fühlte mich gut.

Jetzt, mit all den Unwägbarkeiten, die mein knuspriges Leben mir so zu bieten hat, fangen die Nebenwirkungen an. Ich schlafe schlecht. Auch jetzt, während das Haus ganz ruhig ist, sitze ich in meiner Küche, weil ich im Bett jede Faser des Lakens spüre. Meine Nervenenden sind auf 180 Prozent gestellt. Sie spüren jeden Luftzug, jede kleine Aufregung, jedes Kitzeln und Pieksen viel stärker als sonst. Ich kann keine Wollsocken mehr tragen, keine warmen Pullis. Kein Krümel darf im Bett liegen, und wenn meine Jüngste sich im Schlaf an mich schmiegt, schiebe ich sie sanft weg. All das macht mich wahnsinnig. In der Schule haben wir ein Spiel gespielt, das sich „tausend Stecknadeln“ nannte. Wir drehten einander die Haut am Unterarm gegeneinander, bis es stach wie, ja, wie tausend Stecknadeln. So fühlt mein Körper sich an. Als würde ich auf einem Nagelbett liegen.

Das Pieksen, Kribbeln, Zappeln sind ganz normale Begleiterscheinungen des Ausschleichens, ich muss das ertragen In einigen Wochen wird das vergangen sein. Und ich werde nicht die schon überstandenen Tage drangeben und die Dosis wieder hochschrauben. Nein, das werde ich nicht tun.

Ich vermisse meine innere Ruhe, ich vermisse den Glauben daran, dass alles seine Ordnung hat. Meine Hülle hat Risse bekommen, die schmerzen. Doch ich bin stark. Ich spüre meine Kraft, während ich hier sitze und schreibe. Mein Leben endet nicht an diesem Punkt. Es fängt gerade erst richtig an.

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