Sommer, zwei

Die Spatzen sitzen im Getreidefeld und fressen sich die Bäuche voll. Sie hängen an den Halmen, und fahre ich vorbei, dann stiebt eine Horde tschilpender Federbälle aus dem Feld und flattert vor mir her. Sie sind im Rausch, das Leben ist schön.

Die Linde an der Hofeinfahrt ist über und über mit Blüten bedeckt. Der Geschmack eines „Madeleines“ genannten kleinen Küchleins, in Lindenblütentee getunkt, dient Marcel Proust in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Schlüssel zur Vergangenheit. Immer denke ich an Proust, wenn ich Lindenblüten rieche. Und immer nehme ich mir vor, welche zu trocknen, und nie tue ich es.

An der Straße, die aus dem Dorf führt, wächst links und rechts in der Böschung knallrosa Trichterwinde. Sie rankt auf dem Boden, an den Grasbüscheln hoch und wickelt sich um die Stämme der Apfelbäume. Ihre Blüten sehen aus wie altmodische, rosa-weiß gestreifte Lollies.

Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume hängen voller Früchte. Sie lassen ahnen, was der Herbst bringen wird: Eine reiche Ernte. Wir werden süße Birnen essen, knackig und voller Saft. Wir werden Äpfel sammeln und Pflaumen pflücken und Kuchen backen.

Der Schafscherer ist zu Freunden nach Prießeck gekommen, um den Schafen die dicken Pullis auszuziehen. Er schnappt sich ein Tier, legt es auf den Rücken und fährt mit der Schermaschine dicht an der Haut entlang. In einem Stück lässt er das Vlies auf den Boden gleiten. Die Schafe sind plötzlich sehr klein und sehen ein bisschen verloren aus ohne ihren dicken Pelz. Die Wolle wird nun in einer Werkstatt gewaschen, gekämmt und zu schönen Wolldecken, Teppichen oder Kammzügen für meine Textildesignerfreundin Michelle verarbeitet.

Und heute regnet es. Feine Tropfen stieben durch die Morgenluft, die Wäsche hängt nass und schwer auf der Leine. Die Straße glänzt und die Kartoffeln auf den Feldern freuen sich. Wir werden nachher in Freibad fahren und die Regenstille genießen und in das von Tropfen getüpfelte Wasser gleiten.