Sucht

Manche Menschen fangen ja nach einer Trennung an zu rauchen. Oder sie bekommen ein Alkoholproblem. Ich neige bei allen Kopflosigkeitstendenzen doch zur Vorsicht und deshalb habe ich eine Sucht entwickelt, die nur ein bisschen doof, aber nicht gefährlich ist.

Ich liebe Eukalyptusbonbons. Ich begann sie wohl zu lutschen, als ich mich trennte. Ich erinnere mich an eine Autofahrt, auf der ich traurig eines der knallgrün eingewickelten Bonbons entkleidete und es mir in den Mund steckte. Sofort überdeckte die süße Schärfe den Schmerz in meinem Herzen. Der Reiz auf der Zunge lenkte mich kurz von meinem Elend ab. Es war eine himmlische klitzekleine Wohltat.

Ich lutschte mich durch das Eukalyptusbonbonsortiment. Der Klassiker mit der roten Lasche: Ganz gut, aber etwas zu herb und schlecht zu kauen. Die Billigmarke vom Discounter: Irgendwie gläsern, aber ganz lecker. Die teuren kleinen Dinger aus der Apotheke: Ihr Geld nicht wert.

Am Ende fand ich mein perfektes, mein scharf-süßes, klebriges, köstliches Eukalyptusbonbon bei einer Supermarktkette, die die Süßigkeit, die euphemistisch „Hustenbonbon“ genannt wird, als Eigenmarke anbietet. 75 Cent kostet eine Tüte, sie reicht etwa eine Woche.

Ich kaufe eine grüne Tüte und stecke sie in die Fahrertür meines Autos. Noch auf dem Parkplatz reiße ich die Tüte auf und wickle das erste Bonbon auf. Dunkelbraun und glänzend liegt es in meiner Hand, in die Mitte hat irgendeine Maschine in irgendeiner Fabrik ein kleines Loch gestanzt. Zu Beginn beherrsche ich mich: Ich luschte. Ich lasse das Bonbon über meine Zunge gleiten, es klebt am Gaumen, und der köstliche, beruhigende und scharfe Eukalyptusgeschmack breitet sich in meinem Mund aus, steigt bis in die Nase. Er vermischt sich mit einer karamelligen Süße, denn das Bonbon schmeckt wie aus einer alten Bonbonsiederei.

Nach wenigen Augenblicken aber lasse ich alle Zurückhaltung fahren: Ich fange an zu kauen. Der Zucker splittert unter meinen Zähnen, das Aroma wird plötzlich intensiv. Kleine Stücke kleben an meinen Backenzähnen, ich kaue und genieße. Wie herrlich beruhigend und kräuterig das schmeckt! Drei bis vier Bonbons müssen auf Autofahrten dran glauben, und zu meinen Füßen liegt im Auto stets ein kleiner Haufen grünes Einwickelpapier.

Ich schwöre mir bei jeder Tüte, dass sie die letzte gewesen sein wird, denn Zucker ist nicht gut für die Zähne. Meine Kinder sagen: „Immerhin rauchst Du nicht, Mama!“ Meine Freundinnen sagen, dass es schlimmere Süchte gibt als die nach Eukalyptusbonbons. Die Menschen aus meinem Umfeld sind also keine Hilfe. Als ich neulich einen Haufen Freundinnen zu einem Essen kutschierte, sagte eine fröhlich: „Hier riecht es ja wie in der Sauna!“

Vielleicht erfinde ich irgendwann ein Eukalyptuspflaster, das ich mir an unauffälliger Stelle auf den Körper kleben kann. Bis dahin … lutsche ich. Und dann kauen!