Kummer

Manchmal, da ist das Leben ja eitel Glück und Sonnenschein. Die Kinder benehmen sich nett und räumen die Spülmaschine aus, die Sonne scheint, der Hund ist freundlich. Die Fans verhalten sich artig, schicken Komplimente und überhaupt ist alles nur Freude und Zufriedenheit.

Doch das ist nicht immer so. Jedes Glück, jeder Sonnenstrahl hat ein Gegenstück, einen Anker. Sonst würden wir das Glück ja gar nicht fühlen, wenn da nicht unter der Schlagsahne die sauren Johannisbeeren wären.

Bei mir war kürzlich das Glück zu Gast und nun ist ganz unvermittelt mein alter Kumpel, der Kummer eingezogen. Meine gewöhnliche Strategie, ihn zu schubsen, zu schütteln und zu ignorieren, funktioniert nicht. Er hat sich fett auf mein Sofa gesetzt und hockt da, raucht eine Zigarette nach der anderen und sagt unheimlich gemeine Sachen. So ein Arsch.

Aber ich habe herausgefunden: Der Kummer, der ist okay. Der gehört dazu. Weil ohne ihn das Glück ja gar nichts wert wäre, nicht eine Unze. Ich lief mit dem Hund durch die Wiesen, der Kummer latschte neben mir her und rauchte. Und laberte blödes Zeug. Und da hörte ich auf, ihn zu ignorieren. Ich hakte mich bei ihm ein und hörte zu. Und er redete und redete und er war fast ein bisschen sympathisch, wie er da so grauschwarz mit seinen ausgetretenen Schuhen neben mir herschlurfte.

Ich hab uns jetzt mal ein Bier aufgemacht und lasse ihn auf meinem Sofa schlafen. Er hat wohl gerade sonst niemanden, den er nerven kann. Wir hören laut Verdis „Requiem“, den Rock and Roll des 19. Jahrhunderts und suhlen uns in einem heftigen, bösen, dunkellila Weltschmerz. Aaaaaah!

Und allen, die den Kummer mal zu Gast haben: Es gibt ein paar Dinge, die helfen, lasst es Euch gesagt sein: Es hilft, den Hund zu kuscheln. Es hilft, eine Freundin vollzujammern, auch mehrfach. Sie wird es Euch heimzahlen, eines Tages, seid sicher. Aber scheiß drauf. Es hilft, mit dem Fahrrad zum nächsten Sonnenblumenfeld zu fahren und zu pflücken, bis die Arme voll sind. Es hilft Eiscreme zu essen. Und laut Verdi hören, sagte ich das schon? Es hilft, Spaghetti alla putanesca zu kochen, mit viel Chili, dann kommt das Heulen von der Schärfe.

Aber Ihr müsst dabei immer bedenken: Der Kummer ist okay! Er ist unser Freund. Er zeigt uns, wo das Herz sitzt. Nämlich in der Brust. Da tut es weh, und da pocht es, da leben wir. Willkommen Kummer. Alter Freund. Bleib ein bisschen, setz Dich zu mir.

2 Comments

  1. Ein Freund

    Hi Vivian,
    schön geschrieben. Weltschmerz ist okay! Ich hoffe, du schickst den Kummer bald wieder weg und suhlst dich nicht zu lange darin. Das Leben ist schön!
    Liebe Grüße
    Ein Freund

    Da ist – glaube ich – ein Rechtschreibfehler drinnen 😉: „Weil ohne ihn das Glück ja gar nichts wert wäre, …“

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