Ohne Bild

Wo fange ich an? Heute kann ich kein Bild zeigen, denn ich habe etwas gesehen, das ich nicht fotografieren konnte. Ich hatte mein Telefon nicht bei mir und es wäre mir auch vermessen vorgekommen, in dieser Situation so ein schnödes Gerät aus der Tasche zu kramen. Ich wollte alles genau sehen, und da hätte das Handy nur gestört.

Ich bin heute auf dem Weg vom Brötchenholen nach Hause nicht auf der großen Straße gefahren sondern am Dörfchen Kiefen vorbei Richtung Bischof und Prießeck mitten durch die Felder. Hier gibt es einen kleinen Teich, Pferdeweiden, Getreide- und Maisfelder. Hier und da stehen am Rand der Straßen kleine gelbe Pfeiler mit roten Täfelchen. Sie kennzeichnen den Verlauf einer Gasfernleitung.

Für Rauvögel ist es auf dem Land inzwischen schwer geworden, ihrer Beute aufzulauern. Es gibt keine „Knicks“ mehr, diese struppigen Gebüsche und Hecken, die die kleinen Felder vor allzuviel Wind und Bodenabtrag schützen sollten. Heute sind die Schläge groß, weit und breit steht kein Baum, kein Strauch.

Ich fuhr die schmale Straße entlang, es war halb elf Uhr am Vormittag. Die Sonne glitzerte auf dem Asphalt, neben mir auf dem Beifahrersitz lag eine Tüte mit Brötchen. Ich fuhr langsam, schaute, dachte über die Erntezeit und den bald endenden Sommer nach.

Dann sah ich ihn. Unglaublich nah, direkt an der Straße saß ein Falke. Er krallte sich mit seinen Füßen an den Rest des orangefarbenen Schilds, das die hier verlaufende Gasleitung kennzeichnet. Ganz ruhig saß er da, und sein Gefieder war braungrau, an der Brust etwas heller, ich konnte den Verlauf der großen Schwungfedern ausmachen. Er saß auf dem Schild und war ganz ruhig. Keine Angst vor dem brummenden Auto, keine Angst vor mir. Ich fuhr ganz langsam an ihm vorbei, denn ich wollte nicht, dass er auffliegt. Seine großen schwarzen Augen glänzten in dem schönen Gesicht, das durch die zwei Streifen, die unter den Augen verliefen, ein wenig traurig aussah.

Die Ruhe, die dieser Vogel verströmte, ergriff augenblicklich Besitz von mir. Ich kann die Szene in meinem Kopf wie einen Film vor- und zurückspulen. Wie ich vorbeifahre, den Vogel erkenne, ihm in die Augen schaue. Wie er da sitzt und sich nicht fragt, wann er fressen wird. Stoisch wartet er, denn er weiß, es wird ein Tier kommen, und er wird fressen. Er ist. Er existiert, und mehr muss er nicht wissen.

Seine Welt, sein Erleben, sein Hunger, seine Lust, sein Flug, haben sich kurz mit meiner Welt, meiner Sehnsucht, meiner Liebe, meiner Lust, vermischt. Unsere Wege haben sich hier gekreuzt, an der Straße zwischen Kiefen und Bischof.

Unser Leben ist reich, reicher als wir jemals begreifen werden. Es ist voller Schönheit, voller Leid, voller Kraft und Elend. Und alles ist verwoben und eins.