Bis auf die Knochen

Heute war der erste richtige Novembertag. Trübe. Neblig. Kalt. Als ich unter der Linde an der Wegkreuzung, die in die Felder führt, entlanglief, regnete es Nebeltropfen von den Blättern auf mich.

Seltsam, die Bäume haben ihr Laub in diesem Herbst sehr lang. Schön bunt ist es immer noch, erst langsam wehen die Novemberwinde die Blätter auf die Felder und Straßen.

Ich habe eine Spazierrunde durch den Wald entdeckt. Erst laufe ich durch Felder und Wiesen, vorbei an einem bewaldeten Hügel, der geheimnisvoll aussieht. Ein perfekter Kinderspielort.

Nach den Feldern und dem Hügel beginnt der Wald. Hohe Kiefern säumen den Weg, der sich hügelig und sandig durch das Gelände schlängelt. Pilze stehen da, ihre Kappen glänzen von der feuchten Luft. Raben fliegen durch die Wipfel. Sie unterhalten sich mit dumpfen Rufen. Das klingt gruselig und geheimnisvoll.

Der Hund ist munter, wenn wir im Wald sind. Sie hat ein Reh aufgestöbert, es spingt davon, seine weiße Blume hüpft durch den schattigen Wald. Und dann ist der Hund verschwunden. Ich rufe und pfeife. Er ist fort. Ich gehe den Weg zurück und rufe wieder. Da kommt sie aus dem Unterholz und trägt etwas langes, dunkles im Maul. Ein Rehbein.

Die Jäger verarbeiten ihre Beute sorgfältig, auch meine Freundin Ria macht das so. Sie „zerwirkt“ das Reh. Alles Fleisch wird von den Knochen entfernt. Den Pansen, die Lunge fressen die Hunde. Über die Leber freut sich ein Nachbar. Alles, alles wird verwertet. Nur Haut und Knochen gehen zurück in den Wald. Auf dem „Luderplatz“ können Fuchs und Dachs und die Raben sich die Reste holen, an ihnen nagen.

Der Hund darf seine Beute den ganzen Weg neben mir hertragen. Ab und zu hält sie an und nagt an dem Gelenk des Beines. Die Sehnen sehen weiß aus, das Fell ist schon trocken, der kleine Huf glänzt schwarz. Kurz bevor wir zu Hause sind, muss sie die Beute lassen. Ich mag kein Rehbein in der Wohnung haben.

Zu Hause dann: Tee. Musik. Kerzen. Der erste richtige Novembertag.