Zwei Jahre

Ende November, Anfang Dezember erinnern mich Licht, Temperatur und Gerüche an die Zeit vor zwei Jahren. Damals war ich krank, ich „fuhr ein“. Acht Wochen war in der Psychiatrischen Klinik in Uelzen, dann, nach einem Versuch, zurück ins Leben zu gehen und einfach weiterzumachen wie bisher, war ich noch weitere acht Wochen in der Tagesklinik in Dannenberg in Behandlung, wegen einer gemeinen, hinterhältigen und bösartigen Depression. Ich weinte, ich saß in Therapieräumen, ich turnte, ich nahm Tabletten. Alles in dieser Zeit war dem großen Feind gewidmet.

Heute, nach zwei Jahren, fange ich an, dankbar zu sein für diese Krise meines Lebens. Aus den Wochen der Angst, der Lähmung und der Agonie habe ich die Erkenntnis gezogen, dass zwei Kugeln Eis besser sind als eine Kugel, wenn es denn gerade sein muss. Ich weiß nun, dass mein Leben endlich ist und Glück, Wohlbefinden, Zufriedenheit keine Selbstverständlichkeiten. Ich konnte meinen Perfektionismus abstreifen, jedenfalls ein bisschen. Es hat sich meiner eine Freude bemächtigt, darüber, dass ich gesund bin, dass meine Kinder gesund bin. Ich habe ein Auskommen, ich bin frei, ich lebe.

Ich erinnere mich an kleine Inseln aus der Zeit der Depression, die gut waren: Ich habe mir in der Klinik ein großes buntes Tuch gehäkelt und dabei drei Harry-Potter-Bände durchgehört. Wenn ich jetzt dieses Tuch trage, denke ich mit einem seltsamen wohligen Schauer an die Häkelabende in der Klinik zurück. Ich habe lange Spaziergänge gemacht und ich habe Hilfe von Freunden bekommen. Mein Chor hat mir ein Lied aufgenommen und in die Klinik geschickt. In aller Machtlosigkeit und Verzweiflung war ich doch nicht ganz hilflos. Das macht mir Mut für alles, was noch kommen wird.

Wir haben Dezember, um uns tobt das Chaos einer Pandemie, wir sind nicht frei in unseren Entscheidungen. Aber eigentlich sind wir das nie. Wenn ich die Wahl habe, dann möchte ich glücklich sein, mit meinen Kindern, mit den vielen guten Menschen, die mich umgeben.