Schreiben

Ich bin allein zu Hause. Meine Kinder sind bei ihrem Vater, und es fällt mir schwer, mich in diesen Zeiten, in denen wir so zurückgeworfen sind auf uns selbst, tapfer zu sein. Gestern saß ich auf dem Sofa und aß Vanillepudding. Doch heute, da will ich etwas tun.

Was mich rettet vor dem Dahintaumeln in sich ewig gleichenden Tagen ist das Schreiben. Ich muss mich erst dazu zwingen, mein Gehirn ist müde wie ein Teenager, der den ganzen Tag im Bett herumgelungert hat. Aber wenn ich es geweckt habe… Wenn ich schreibe, habe ich das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, etwas Gutes. Es ist schwer und gut zugleich.

Heute habe ich mich mit Gedichten beschäftigt, ich weiß nichts über Versformen, über Jamben, Rhythmen, Versmaße. Ich habe gelesen und Freude daran gefunden. Mein Sohn schrieb neulich für die Schule lauter „Elfchen“. Ein Elfchen besteht aus fünf Zeilen mit elf Wörtern. Ein Wort in der ersten Zeile nennt ein Nomen, die beiden Worte in der zweiten Zeile beschreiben das Nomen näher. Drei Worte in der dritten sagen, was das Nomen tut, die vier Worte der vierten Zeile fügen dem Ganzen einen Gedanken hinzu. Den Abschluss bildet ein Wort in der fünften Zeile, das zusammenfassend, schließend wirkt. Ich saß also an meinem schönen großen Esstisch in meiner Küche und schrieb:

Tisch
Großer Tisch
Steht fest da
Lädt viele Gäste ein
bald.

Ganz einfach! Und es macht so viel Spaß, ganz schnell sind schöne Worte für wichtige Dinge gefunden.

Als nächstes schaute ich mir das Sonett an. Diese Gedichtform besteht für gewöhnlich aus zwei Quartetten (vierzeilige Strophen) und zwei Terzetten (dreizeilige Strophen). Das Versmaß ist schön regelmäßig, also immer mit abwechselnder Betonung der Silben. Der grüne Wald, ein fernes Bild. So ungefährt. Ich versuchte, eines zu schreiben, aber das Bild, das ich im Kopf hatte, passte einfach nicht in Reime.

Wie gut, dass es noch viele weitere Gedichtformen gibt, zum Beispiel das Prosagedicht. Hier bin ich frei und darf spielen. Ein Prosagedicht muss keine regelmäßigen Verse haben, es muss auch kein Reim-Rhythmus her, aber es spielt dennoch mit Stilmitteln wie dem Binnenreim (Reim innerhalb einer Zeile) oder einem starken Rhythmus.

Ich habe mal im Winter für den Blog über den Wald geschrieben, wie er still daliegt und wie die Raben lautlos durch die Wipfel fliegen und ab und zu rufen. Diesen Eindruck habe ich in ein Prosagedicht verwandelt.

Luft wie blaues Glas
Ganz fein
Blaugrüne Nadeln über
Braunen Stämmen:
Rinde blättert, graubraun.

Sandboden, fein, mit
Steinen
Wagenspuren liegen da im Wald
Graswurzeln, Quecken,
dürre Halme, knistern.

Raben fliegen Slalom
Lautlos
Durchziehen den Wald
Nur manchmal
Tropft ihr Ruf zu Boden.

Es macht mich ganz froh, und ich gehe mit offenen Augen durch meine Welt, um sie später mit Reimen und Versen zu zeichnen.