Schnappes

Geheimnisvolle, abgewetzte Hölzer in der Brennerei

Wenn meine Freundin Nadja und mich Aussteigerphantasien plagen, weil die Kinder in ihrer Schule mit Kreide werfen und ich den ewigen Geldmangel leid bin, dann stellen wir uns vor, dass wir die Güldener Schnapsbrennerei zu neuem Leben erwecken. Feine Brände wollen wir herstellen und eine kleine Bar einrichten, in der man dann Hochprozentiges verkosten kann. Lesungen und Konzerte soll es geben und natürlich einen Shuttlebus, der durchs ganze Wendland fährt und die betrunkenen Verkoster nach Hause bringt.

Natürlich haben wir keinerlei Ahnung von der Herstellung von Obstbränden und wir haben auch kein Kapital, das wir invenstieren könnten. Und deshalb lag die Güldener Schnapsbrennerei bisher wie ein verschlossenes Schatzkästchen am Wegesrand meiner Waldrunde. Hellgrün mit einem großen Holztor und einen kleinen Förderband, das seltsam auf einer Mauer ragt. Schon seit Jahren schlief die Brennerei einen Dornröschenschlaf, so schien es mir.

Heute aber war das große Holztor zur Seite geschoben und ein Auto parkte vorm Haus. Drinnen rumorte es, und Lüder Kneifel stand in Gummistiefeln neben einem Haufen Kartoffeln und guckte recht zufrieden. Der Bio-Bauer, der im Nebenwerbsbetrieb in Mützingen etwa 10 Hektar bewirtschaftet, hatte seine übrig gebliebenen Kartoffeln in eine große Steinwanne geschüttet und schaute nun den Rohren, Bottichen, Zentrifugen und Förderanlagen bei der Arbeit zu. Seit 30 Jahren komme er schon hierher, um Alkohol zu brennen, erzählt der Bauer. Viele aus der Region hätten es gemacht wie er: Ein festes Kontingent zum Schnapsbrennen eingeplant und dann das, was im Frühling nicht wieder als Saatkartoffel in die Erde kam, zu 90%igem Alkohol verarbeitet.

Die EU-Regeln und der Wettbewerb haben dafür gesorgt, dass die Brennerei nicht mehr wirtschaftlich ist. „Alkohol kommt nun sehr günstig aus dem Ausland“, sagt Lüder Kneifel. Sechs Bauern kommen aber dennoch regelmäßig her, um zu brennen. Und dann gibt es noch eine Genossenschaft aus der Eifel, die in Ermangelung einer regionalen Schnapsbrennerei ihre Kartoffeln nach Gülden fährt und hier verarbeiten lässt.

Und das geht so: Die Kartoffeln werden von einem Wasserstrahl ordentlich durchgewirbelt, dabei werden Steine herausgewaschen und von dem seltsamen kleinen Förderband nach draußen auf die Straße befördert. Dann geht es weiter durch Rohre und Waschtrommeln zu einem großen Schredder, der die Kartoffeln zerkleinert. Ohrenbetäubend laut ist das. Der Brei wird auf 90 Grad erhitzt, um die Stärke aufzuschließen, dann wieder abgekühlt, mit Hefe versetzt und so weiter. Ich habe nicht alles verstanden, aber am Ende landet alles in einem der vier riesigen Tanks, die am Ende der Anlage stehen. Und trinken kann man das auf keinen Fall, davon wird man blind und dumm, sagt Lüder Kneifel lachend. Und der Alkohol aus Gülden wird wohl auch nicht zu den von Nadja und mir erträumten Bränden verarbeitet, sondern eher chemisch weiterverarbeitet. Als Putzmittel oder in der Medizin.

Schade. Ich sah mich schon beschwipst mit einer Flasche Güldener Kartoffelschnaps auf meiner Terrasse sitzen. Aber ich habe die Brennerei von innen gesehen, und das war toll!