Riesenpuzzle

Sieben Jahre lang wohnte ich in einem Dreiständer-Fachwerkhaus, das Zimmerleute aus dem Wendland im Jahr 1777 aus dicken Eichenbalken gebaut haben. Im Fachwerk der Küche sieht man noch heute die römischen Zahlen, die die Handwerker als Markierung mit dem Stemmeisen oder der Axt ins Holz geschlagen haben. Das Werk von Menschen zu sehen, die seit mehr als 200 Jahren tot sind, macht mich ehrfürchtig. Ich liebe es, mit meinen Fingern über diese Markierungen zu fahren und mir vorzustellen, wie das Holz einst von kundigen Händen bearbeitet wurde.

Auf der Seite des Wendland-Archivs, die der Hobbyhistoriker Burkhard Kulow seit vielen Jahren liebevoll pflegt, findet sich irgendwo in den Bilderfluten das Bild eines Baubetriebs aus dem Jahr 1887. Die Zimmerer haben eine komplette Deckenbalkenlage auf dem Zimmerplatz ausgebreitet und stehen stolz inmitten der Hölzer. Sägen und Stemmeisen und sogar eine Kreuzaxt (die selten eingesetzt wurde, sagt der Chef, weil man sich damit leicht den Schädel einschlug) halten sie in den Händen. Es ist ein beeindruckendes Bild. So viel Holz!

Ich habe mir heute ein Zweiständerhaus an der Elbe angeschaut, das gerade restauriert wird. Nein, man kann hier nicht von renovieren sprechen, denn alles, wirklich alles, wurde auf den Kopf gestellt. Schwellen werden ausgetauscht, Ständer werden per „Anschuhung“ mit frischen Füßen versehen. Die Traufseiten des Hauses, also die flachen Längsseiten, an denen das große Dach abschließt, sind komplett erneuert und neu ausgemauert worden. Hier ist gut zu sehen, welch eine Puzzlearbeit so ein Haus ist. Ein Riesenpuzzle aus Streben und Zapfen und Holznägeln. Die Ehre des Zimmerers, sagt mein Chef Isaac, sei es, die Hölzer beim Abbund auf dem Zimmerplatz zweidimensional zu legen und sie später auf dem Bauplatz dann dreidimensional aufzustellen ohne nachzubessern.

Zwei Reihen dicke Eichenständer laufen durch die gesamte Hauslänge des Zweiständers und halten sein Dach. Alt sind diese Häuser – die ältesten noch existierenden stammen aus dem 15. Jahrhundert – , dicke Eichen wurden für sie gefällt. Seltener zu finden sind Dreiständerhäuser; wohlhabendere Bauern bauten schließlich ab etwa der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Vierständerbauweise. Beim Vierständer tragen vier Ständerreihen das Dach: Zwei Reihen bilden die Außenwände des Hauses zwei beginnen links und rechts des großen Wirtschaftstores, der Groot Dör. Beim Vierständer wurden nicht ganz so dicke Holzquerschnitte benötigt, lerne ich auf der Baustelle, und man war flexibler bei der Aufteilung des Hauses.

Im wendländischen Hallenhaus gab es keine Schornsteine! Der Rauch der Feuerstelle, die im Flett an der Stirnseite der Diele oder in der Küchenstube war, zog einfach durch Türen und Fenster und durch die Ritzen in der Decke ab. Im Rauch hingen, so stelle ich es mir vor, dicke Schinken. Noch heute sind die Balken solch eines alten Hauses schwarz vom Rauch und vom Alter.

Ende des 19. Jahrhunderts kamen diese großen Hallenhäuser, unter deren Dach sich Tiere und Menschen die Wärme und den Schutz teilten, aus der Mode. Das Vieh wurde ausgelagert und es entstanden immer mehr reine Wohnhäuser.

Das Hallenhaus, wie es im Wendland steht, ist schwer in ein gutes Wohnhaus umzubauen. Es ist zu groß und zu klein zur gleichen Zeit, es ist einfach schwer, die große, dunkle Diele und den kleinen, bescheidenen Wohnteil zu einem guten, zeitgemäßen Wohnraum zu verbinden. Die niedrigen Traufseiten der Zweiständer und die kleinen Fensteröffnungen machen die Häuser leider oft ein bisschen dunkel. Und dann ist da der Denkmalschutz, der versucht, das Bestehende zu bewahren und dabei den Spagat aus Machbarkeit und Schutz für den Bestand macht. Für Bauherren, Gewerke und Behörde oft eine Nervenprobe.

Jedenfalls. So ein großes Haus ist eine spannende, wunderbare und respekteinflößende Aufgabe. Es ist so toll, die alten Inschriften auf den Spruchbalken zu sehen. Die Namen der Eheleute, die Segenswünsche, die Jahreszahlen. Unter diesen Dächern wurde geliebt, gelebt, gewirtschaftet. Mal war Hunger, mal war Schweineschlachten. Und wir stehen mittendrin.