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Die Elbe bei Havelberg

Die Zeit vergeht so schnell. Ich kann mich noch erinnern, wie ich als junges Ding nachrechnete, wie alt ich zur Jahrtausendwende sein würde. 26. Das fand ich noch erträglich. Heute bin ich fast 48 Jahre alt und nun ist der Sommer schon wieder fast vorbei. Auf den Getreidefeldern stehen nur noch Stoppeln und die Tage werden kürzer.

Ich fragte neulich einen Freund, der 76 Jahre alt ist, ob sein Leben schnell vergangen sei. „Nein“, sagte er. Es sei so viel passiert in seinem Leben wenn er sich zurückerinnere. Die Zeit scheint wie im Fluge zu vergehen und doch: Wenn wir uns ins Gedächtnis rufen, was alles in einem winzig kurzen Jahr passiert ist, dann bemerken wir, wie viel geschieht in einem Jahreslauf.

Allein in den letzten Wochen:

Ich habe auf der Straße eine wunderbare Uhr gefunden. Eine zum Aufziehen, die so leise tickt, dass man sie fest ans Ohr pressen muss um ihr Tickeditack zu hören. Sie geht ganz genau und ich ziehe sie immer sehr vorsichtig auf, damit sie nicht kaputt geht.

Die Heidelbeeren, Brombeeren und Himbeeren aus dem Wald hinterm Haus sind für eine kurze Zeit alle zusammen reif und ich könnte jetzt, wenn ich fleißig wäre, Rote Grütze aus richtig echten Waldbeeren kochen. Aber das Pflücken ist mühsam! So mühsam.

Ich habe das Käfergeheimnis gelöst: Der Waldmistkäferfriedhof entstand, weil sich mehrere Käfer um einen herrlichen Haufen Waschbärmist versammelt hatten und spiesen, als ein Wanderer sie mit seinem Stiefel erwischte. Ich weiß das, weil ich so eine Käferversammlung gerade gestern auf frischer Tat ertappt habe.

Meine Kinder haben Zeugnisse bekommen. Ich lese die so gern, weil sie mir einen Teil aus einem mir fremden Leben zeigen, das nur meinen Kindern gehört. Die Schule ist ihre Welt, zu der ich nur begrenzt Zutritt habe. Hier schlagen sie sich ohne mich sehr wacker, sie lernen lesen, schreiben, schnitzen, stricken und russisch parlieren. Selbst die Jüngste zählt schon „ras, dwa, tri…“. Ich lese gern die ellenlangen Zeugnisse der Waldorflehrer, die sich sicher viele Nächte um die Ohren schlagen am Schuljahresende, um jedem Kind eine Beurteilung zuteil werden zu lassen.

Und dann sind wir noch nach Brandenburg gefahren, um meine Mutter zu besuchen. Wir fuhren mit einer Fähre über die Elbe, die breit und ruhig und mächtig da lag. Ihr Geruch nach Wasser und Schilf, nach nassem Sand und Fisch, das Schmatzen der Wellen, das Tuckern der Fähre sind ein Wochenend-Gefühl für uns alle.

Meine letzte Urlaubswoche ist vorbei. Ab Mittwoch werde ich wieder Holzlisten sichten und Arbeitsstunden dokumentieren. Ich werde kopieren, scannen, telefonieren und mit den Chefs frühstücken. Ich mag diese Arbeit so sehr.

Und bald werde ich Geburtstag feiern. Dann bin ich wirklich 48 Jahre alt. Und das ist gut! Ich habe so viel gelernt und darf noch so viel erleben.