Reisefieber

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen: Reisen macht schlau und außerdem ist es prima, mal das Gehirn zu lüften und zu schauen, wie die Menschen es anderswo so machen mit dem Essen und Grüßen und überhaupt. Deshalb plane ich gerne Reisen, ich fahre mit meinen Kindern in europäische Großstädte, damit wir mal eine autonom fahrende U-Bahn benutzen können, ich reise zu Freunden und gerade jetzt bin ich in der Auvergne. Es ist schön hier, wunderschön! Der Mont Blanc liegt gleich hinter zwei Bergen quasi um die Ecke, der Blick aus meinem Fenster geht über Almwiesen hoch zu steilen Felsen und vom Essen will ich gar nicht erst anfangen.

Aber der Weg hierher, puh. Ich reiste in drei Etappen, und das heißt, das ich gleich drei Mal fiesestes Reisefieber hatte. Erst vom Wendland nach Buxtehude zum Liebsten. Dann nach Stuttgart als erste Zwischenstation und dann weiter in die Alpen. Jedes Mal, wenn ich in die Ferien fahre, freue ich mich in den Wochen vorher wie Bolle, aber wenn es ans Packen geht – oh je. Dann habe ich eine zeternde Stimme in meinem Kopf, die mich fragt, ob ich verrückt geworden sei. Ob ich denn nicht wisse, wie viele Verkehrsunfälle, Flugzeugabstürze, Lokentgleisungen es in den letzten Jahren gegeben habe (nicht soooo viele, antworte ich, aber die Stimme hört nicht zu). Die Stimme sagt mir, wenn sie fertig mit zetern ist, dass es doch zu Hause sehr gemütlich ist und schlägt vor, alles abzublasen, um einfach ein paar Wochen ganz allein in der Wohnung herumzuhängen. Im Zustand heftigsten Reisefiebers klingt das nach einem richtig tollen Plan. Nicht packen müssen, nicht stundenlang Auto fahren, nicht auf wildfremde Menschen treffen, die man am Ende gar nicht mag. Nichts davon. Nur zu Hause sein, lesen, schlafen, mit dem Köter spazieren gehen. Leckeres Zeug kochen, wieder schlafen, vielleicht einen tollen Film schauen. Hach.

Na, jedenfalls. Ich bin nicht zu Hause geblieben, sondern viele Stunden lang mit einem Mann, den ich gerade erst fünf Monate kenne, in seinem Auto und mit seinen Kindern in die Auvergne gefahren. Ich habe mich auf Streit, auf nervliche Zerreißproben und Kindergeschrei eingestellt. Ich habe zur Sicherheit meinen Autoschlüssel eingesteckt, damit ich im schlimmsten Fall türmen kann. Aber, wer hätte es geglaubt? Es ist schön hier, wirklich! Die Familie des Liebsten hat mich sehr freundlich aufgenommen, wir machen Witzchen auf Französisch und der Liebste ist selig, weil er schöne Ferien hat. Und vom Essen muss ich gar nicht erst anfangen!