Der Name des Bogens

Seit ein paar Tagen beschäftigt mich der französische Journalist, Schriftsteller und Abenteurer Sylvain Tesson. Er bereiste mit einem alten Motorrad den Weg, den Napoleons Truppen bei ihrem Rückzug aus Russland einschlugen, er machte sich im Himalaya auf die Suche nach dem Schneeleoparden, er lebte ein halbes Jahr am Baikalsee, sechs Tagesmärsche entfernt von der nächsten menschlichen Siedlung.

Das Streben dieses Mannes nach der einen Wahrheit, die er sowohl im Geiste als auch körperlich immer wieder sucht, beeindruckt mich sehr. In einer Reportage segelt er den Weg, den Odysseus vielleicht mit seiner Flotte nach dem Sieg in Troya genommen haben könnte nach und spricht mit Philosophen, Archäologen und Fischern. Tesson, der Abenteurer, der Suchende, der Wissende, hat sich auf einen Arm einen Satz auf griechisch tätowieren lassen, der von Heraklit stammt: „Der Name des Bogens ist Leben („Bios“), sein Werk aber Tod.“ Und er zeigt diesen Satz auf seinem Arm einem griechischen Seemann und sagt: „Wenn das jetzt falsch geschrieben ist, dann hacke ich mir den Arm ab.“ Und so wie ich Tesson sehe, ist das nur ein bisschen geflunkert.

In fünf Folgen vollziehen Tesson und seine Mitstreiter die Odyssée nach. Meine Lieblingsfolge ist die, in der Tesson seine alte Freundin Stéphanie Bodet trifft, die nicht nur hervorragend klettert, sondern auch pflanzenkundig und mit Homer und Circes Kräften vertraut ist. Circe, die Zauberin, die Göttertocher, die Tochter des Waldes und der Tiere, der Homer Arglist und Täuschung andichtet, ist eine wahre Frau. Ich mag, wie Bodet von ihr spricht, sich ihr annähert und ihr Urwissen, ihr Frausein dem akademischen, dem gezähmten Wissen des Klerus und der Universitäten entgegenstellt.

Der Herbst ist für mich die Jahreszeit der Einkehr, die Zeit, in der ich mich frage, wo ich im Leben stehe. Vor zwei Jahren wurde ich krank und blieb es lange. Heute bin ich „gesund“, ich lebe. Und jeden Herbst aufs Neue, wenn das Licht schwindet, die Sonne tiefer steht und am Morgen der Nebel über den Wiesen liegt, erinnert mich alles an Momente der Machtlosigkeit, der Haltlosigkeit und Trauer. Ich flüchte mich in Circes Arme und trinke einen Heiltee aus ihrem Garten.