Rübenmaus

Der Herbst greift nach der Welt, er deckt seine Nebeldecken über Wiesen und Moore und hängt jede Menge glitzernde Tautropfen ans morgendliche Gras. Kalt ist es geworden und im Wendland sind Kartoffel- und Rübenroder im Einsatz, um die letzten Feldfrüchte aus der Erde zu holen. Auf den Kartoffelrodern stehen die Arbeiterinnen und Arbeiter in dicken Pullis und Westen und wühlen mit klammen Fingern in dem, was die Maschine da zutage fördert. Kartoffeln natürlich, aber auch Steine, Unkraut, Mäuse und Kröten. Die armen Tiere fliegen in hohem Bogen vom Roder, wenn sie Glück haben und aussortiert werden. Ja, Landwirtschaft ist ein eiweißhaltiges Geschäft.

Der Rübenroder macht am Feldrand kleine Gebirge aus braungraugelben Rüben. Sie warten darauf, in die Zuckerfabrik nach Uelzen gefahren zu werden. Eine große Maschine kommt dafür angerollt, und alle hier nennen sie „Rübenmaus“. Das ist ein sehr seltsamer Name für so eine große Einrichtung, die nur aus Zahnrädern, Förderbändern und Stahlteilen besteht. Eigentlich ist „Maus“ aber auch eine Abkürzung für M=Mieten, A=Aufnahme, U=Umladen und S=System. Die Rübenmaus kommt also und lädt die Rüben von den Mieten, wie die großen Rübenhaufen heißen, auf Anhänger und Lastwagen. Während des Umladevorgangs werden die Rüben auch noch grob gereinigt, damit nicht so viel Sand mit in die Zuckerfabrik fährt. Dann transportiert ein Trecker die Last nach Uelzen und alle Autofahrer seufzen, wenn sie auf den kurvigen Straßen des Wendlands hinter so einem Gespann festsitzen und mit 40 Stundenkilometern durch die Gegend tuckern.

Man kann aus Zuckerrüben auch selber Zucker machen, indem man sie kleinschnetzelt, den Saft auskocht und diesen dann zu Sirup eindicken lässt. Ist er fest, kann man ihn raspeln. Aber ich gehe lieber in den Bioladen und kaufe echten Rübenzucker. Das kommt mir sinnvoller vor, als Rohrohrzucker aus fernen Landen zu konsumieren.

Die Krähen aus der Gegend ernähren sich im Moment sehr nachhaltig von Walnüssen. Sie tragen sie mit ihren großen Schnäbeln in die Lüfte und lassen sie über der Asphaltfläche vor der Schnapsbrennerei fallen. Die Nüsse zerbrechen und die Krähen schmausen. Der Hund versucht stets, eine zu fangen, aber die Biester haben Flügel, es ist eine unfaire Jagd. Ich freue mich über die Fülle. Über Kartoffeln, Nüsse, Zwiebeln vom Feld. Ich freue mich über schlaue Rabenvögel und über Oktobersonne und Nebel über den Wiesen.