Die gute Nacht

Ich stieß vor zwei Tagen ganz zufällig auf ein Gedicht von Dylan Thomas. Es ist eine Villanelle, ein Kunstlied. In dieser alten, etwas gedrechselten Gedichtform wütet und schäumt Dylan gegen etwas, das uns alle einholt und uns schließlich ganz und für immer haben wird. Die Nacht, die ewige, stille, dunkle Nacht.

Alle: weise, wilde, kluge Männer müssen in Dylans Stück am Ende einsehen: Ihre Taten, ihre Wünsche und ihr Rasen waren umsonst, die dunkle Nacht gewinnt das Spiel zu jeder Zeit. Am Ende erscheint der Vater im Gedicht, und seine segnenden Hände schließen den Kreis.

Es ist ein wundervolles Gedicht und ich glaube, es ist eines von Dylans bekanntesten Stücken. 1947 schrieb der Dichter es, ganz kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges. Es machte ihn zum Idol seiner Zeit und steht für eine Art Nachkriegspoesie. Ich möchte die Gute Nacht hier mit Euch teilen.

Geh nicht gelassen in die gute Nacht 

(DYLAN THOMAS, Übersetzung = Curt Meyer-Clasons)

Geh nicht gelassen in die gute Nacht,
Brenn, Alter, rase, wenn die Dämmerung lauert;
Im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht.

Weil keinen Funken je ihr Wort erbracht,
Weise – gewiss, dass Dunkel rechtens dauert-,
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.

Wer seines schwachen Tuns rühmt künftige Pracht
Im Sinken, hätt nur grünes Blühn gedauert,
Im Sterbelicht bist doppelt zornentfacht.

Wer jagt und preist der fliehenden Sonne Macht
Und lernt zu spät, dass er nur sie betrauert,
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.

Wer todesnah erkennt im blinden Schacht,
Das Auge blind noch blitzt und froh erschauert,
Im Sterbelicht ist doppelt zornentfacht.

Und du mein Vater dort auf der Todeswacht,
Fluch segne mich, von Tränenwut vermauert.
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.
Im Sterbelicht ist doppelt zornentfacht.

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night.

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.