Hinüber

Ich habe heute ein Tier sterben sehen. Es ging ganz leicht. Es war ein kurzes sich Wehren, ein kleines sich Empören und dann war es schon vorbei. So schnell ist eine Kerze ausgeblasen, so schnell ein Licht erloschen.

Ein Nachbar hat Ziegen, immer schon. Im Frühjahr werfen die Geißen und ziehen den Sommer über ihre Zicklein groß. Das ist ein lustiger Haufen, diese Ziegenherde. Morgens werden sie am Seil auf die Wiese geführt und unterwegs fressen sie alles an, was nicht niet- und nagelfest ist, ständig muss man auf der Hut sein, dass sie den Essigbaum oder die Hortensien in Ruhe lassen. Die Ziegen sind gesellig, wenn ich vorbeikomme, meckern sie fragend und schauen, wer ich bin und ob ich Brotrinden dabei habe.

Einmal habe ich gehört, wie eine Geiß ihr Kind gerufen hat, es kam sofort angelaufen und trank gierig bei seiner Mutter. Die Ziegen haben ein gutes Leben auf den Wiesen am Wald. Im Herbst allerdings schlägt den Böcklein die letzte Stunde. Sie geben keine Milch, sie werfen keine neuen Zicklein, und wenn sie geschlechtsreif werden, dann riechen sie streng. Schon immer waren die kühlen und kalten Monate des Jahres die Zeit, in der der Schlachter übers Land reiste und Schweine und Ziegen und Schafe hinüberhalf auf die andere Seite.

Heute war es friedlich, schnell war der Bock ganz ruhig. Dann lag er betäubt auf der Schlachtbank und das Blut lief aus ihm heraus. Als kein Fünkchen Leben mehr in ihm war, wurde ihm das Fell über die Ohren gezogen und die Eingeweide entfernt. So viel Gedärm! Der Pansen war riesig und voller unverdautem Gras. Wir haben ihn geleert und gewaschen und ich habe ihn dem Hund mitgenommen.

Die Leber des Ziegenbocks liegt nun hier im Kühlschrank und wartet darauf, dass wir sie morgen in Mehl gewendet und gebraten mit Kartoffelbrei und geschmorten Zwiebeln essen. Ich gestehe: Ich esse gern Fleisch. Wenn ich es aber tue, dann sollte es Fleisch aus der Jagd sein oder von einem Tier, das zufrieden gelebt hat und nicht leiden musste beim Sterben. So wie der kleine Ziegenbock.