Begrenzungspfahlwäscher

Die finanzielle Lage bleibt ernst aber nicht aussichtslos, und so konnte ich die Kinder am Wochenende auf eine Portion Pommes ins Restaurant „Deutsche Eiche“ in Zernien einladen. Der Name ist hier Programm: Alles ist irgendwie dunkelbraun und dick und schwer. Und die Lampen! Ein Traum. Die Kinder schmausten Pommes und wir lauschten heimlich einer Zusammenkunft der heimischen rotbackigen Bauernburschen. Sie tranken Cola aus riesigen Gläsern und dazu gab es Schnaps. Prost!

In den wenigen Lokalen dieser Art, die es heute noch gibt, herrscht irgendwie so eine Art Wohnzimmeratmosphäre: Man ist wirklich versucht, sich beim Eintreten nach den Gästepuschen aus Filz umzusehen. Die Leute, die am Thresen sitzen kennen sich und nehmen, wenn sie sich am Abend setzen, das Gespräch vom Vortag wieder auf. Auch, wenn wir ziemlich lange auf unsere Pommes warten mussten, fühlten wir uns heimelig und wohl und schmausten nachher sogar noch ein Eis.

Das Landleben an sich ist schon ein feines. Es gibt hier einfach Dinge, die es in der Stadt nicht gibt. Neulich parkte mal länger ein fremdes Auto auf unserem Hof – zack, hatte ich einen Liebhaber. Dorffunk! Jeden Freitag spielt im Gerätehaus der Feuerwehr der Posaunenchor, die können sogar Abba! Ich schaue immer, dass ich meine letzte Hunderunde zeitlich anpasse und stehe dann wippend im Schein der Straßenlaterne. Corona hat mich bescheiden und erfinderisch zugleich gemacht. Vielleicht nehme ich mir beim nächsten Mal einen Flachmann mit.

Ich weiß nicht, ob es sowas in der Stadt auch gibt, gesehen habe ich es zum ersten Mal hier auf dem Land: Es gibt einen bedauernswerten Mitarbeiter der Kreisstraßenmeisterei, der mit seinem knallorangen Lastwagen die Straßen abklappert und jeden einzelnen Begrenzungspfahl abwäscht. Am Auto ist ein langer, beweglicher Arm, an dessen Ende zwei Bürsten befestigt sind, auf der Ladefläche des Multifunktionsautos steht ein Tank in dem Wasser mit Reinigungsmittel ist. Der Mann fährt ein Stück, hält an, fährt den Arm aus, schaltet die Schrubb-Bewegung der Bürsten ein, fährt am Pfahl hoch und runter, fährt hoch, Schrubb-Bewegung aus, fährt ein Stück, fährt den Arm runter…

Ich stelle mir vor, dass so jemand am Abend aus dem Auto steigt und mit seinen Augen in verschiedene Richtungen schaut. Aber vielleicht ist der Mann in dem Wagen auch total glücklich. Wer wei´ß!